africologne (11): Marie Yan über das DIALOGFORUM (Teil 2) Reparieren, re-humanisieren (Teil 2)

Auf dem Podium (vlnr.) Dr. Ndongo Samba Sylla, Dr. Amzat Boukari-Yabara, Mireille Fanon Mendès-France, Dr. Koulsy Lamko und Zora Snake (Foto: Kerstin Ortmeier)

von Marie Yan

 

RESTITUTION BEDEUTET REPARATION

Bevor ich auf die koloniale Schuld zurückkomme, die ein zentrales Thema des Panels war, verweile ich in Anlehnung an die Worte von Mireille Fanon Mendès-France bei der Idee der kolonialen Matrix. Eine Matrix ist eine Art Maschine , jedoch mit organischen, sowohl selbstregenerierenden als auch selbstzerstörerischen autonomen Teilen. Dies wirft die Frage auf, was sich in und außerhalb von ihr befindet, wo sie beginnt und wo sie endet. Die Frage nach Anfang und Ende bringt des Weiteren die Frage nach der Geschichtsschreibung der Restitution mit sich. Welche Akzente setzt der Zeitstrahl der Restitution in Bezug auf sich selbst und in Bezug auf die Restitution?

Dr. Koulsy Lamko geht von der Prämisse aus: «Reparation kann nicht ohne Restitution erfolgen. Man kann nicht wiederherstellen, ohne zu wissen, was war, was getan wurde». Eine Forschungs- und Sichtbarmachungsarbeit, die er selbst an unterschiedlichen Orten und zuletzt in Mexiko initiierte. Dort gründete er die Casa Refugio Hankili África. Ein historisches Zentrum, das sowohl afrikanischen Geflüchteten und Künstler*innen einen Lebensraum bietet als auch afro-mexikanische Kulturen willkommen heißt. So wird zum Beispiel ein besseres Verständnis für das Erbe der Costa Chica de Guerrero entwickelt, einer Region mit großen Communities indigener, Schwarzer Mexikaner*innen, Nachkommen von Skalven, die sich aus der Sklaverei befreit hatten, den Maroons, die in den Erzählungen und politischen Entscheidungen des Landes allzu oft vergessen werden. Restitution erfordert ein Wissen über die Vergangenheit, das wiederum Reparation erst ermöglicht.

Ausgehend von der Frage, wie das Wissen um die Vergangenheit die Zukunft der Reparation vorbereitet, lässt sich die Geschichtsschreibung der Restitution genauer betrachten. Für den Zeitstrahl der Restitution sind unterschiedliche Anfänge denkbar, die alle miteinander konkurrieren.

Ein erster, selbstgefälliger und von neokolonialer Auslöschung geprägter Anfang dieses Zeitstrahls würde mit der Bereitschaft westlicher Museen beginnen, geraubte Stücke aus ihren Sammlungen zurückzugeben. Ein Beispiel für diese Zeitachse wäre die Ouagadougou-Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron aus dem Jahr 2017.
Ein zweiter, aus der Perspektive der soeben unabhängig gewordenen Länder, würde in den sechziger Jahren beginnen, wie es Bénédicte Savoy in Africa’s Struggle for Its Art darlegt: «Nahezu jedes Gespräch, das heute über die Rückgabe von Kulturgütern an Afrika geführt wird, fand bereits vor vierzig Jahren statt. Nahezu jeder relevante Film wurde bereits gedreht und nahezu jede Forderung bereits formuliert»[1].

Ein dritter, wie das Panel nun bekräftigt, verknüpft Restitution und Reparation untrennbar miteinander. Er würde anderswo beginnen, nicht in den staatlich normierten Beziehungen, sondern in den beraubten Communities selbst. Wie Zora Snake es provokant ausdrückt: «Restitution. Das ist eine Arbeit, die wir im Dorf schon lange machen. Als Künstler aus dem Dorf tut es gut, zu sehen, dass sie das Interesse der Politiker*innen weckt.» Eine Erklärung, die im Raum-Zeit-Kontinuum neu verortet, wer zu den Diskussionen über Restitution das meiste Wissen, die meiste Praxis mitbringt. «Es ist eine regelmäßige, tägliche Arbeit, die tägliche Pflicht eines Dorfbewohners. Ein Beispiel: Wenn man aufsteht, muss man seinen Nachbarn nicht kennen, um ihn zu begrüßen. Hast du gut geschlafen? Wie geht es dir? Wohin gehst du? Restitution ist, über die Rückgabe des Kunstwerks hinaus, eine Reparation der Körper, der menschlichen Gesellschaft. (…) Wie werden die Körper zunächst wiederhergestellt, damit sie den Platz zurückgeben können, den die Kunstwerke verdienen? Den Platz, den sie vor der Flucht, der Entvölkerung einnahmen. Wenn [das Kunstwerk] zurückkommt, müssen zuvor die Körper repariert worden sein.» [2]

UNTER DEM RASSISTISCHEM KAPITALISMUS IST REPARATION EINE ENDLOSE AUFGABE

Die Frage der kolonialen Schulden war ein zentrales Thema, auf die das Panel «Recognize, restitute and repair» immer wieder zurückkam und mit der nach Reparationen verknüpfte. In seinem Eröffnungsvortrag erinnerte Dr. Koulsy Lamko an Sankaras berühmte Abeba-Rede von 1987, in der er die afrikanischen Staatsoberhäupter dazu aufrief, eine gemeinsame Allianz gegen die Bezahlung der Schulden gegenüber den europäischen Ländern zu bilden, und dies als «(…) eine geschickt organisierte Rückeroberung» [3] bezeichnete.

Der französisch-beninische Historiker, Aktivist und Autor Dr. Amzat Boukari-Yabara betont, dass die Schuldenmechanismen, die Haiti niederhielten, identisch mit denjenigen waren, die während der Dekolonialisierung in den 1960er Jahren angewandt wurden. Zur Erinnerung: Als die Republik ihre Unabhängigkeit erlangte, musste sie Zahlungen an die ehemaligen französischen Kolonialherren leisten – Zahlungen, die sich über mehrere Generationen erstreckten und durch Kredite bei der Bank, die die Zahlung der Schulden forderte, noch verdoppelt wurde.[4]

In der Kontinuität dieser Analyse plädiert Dr. Boukari-Yabara dafür, Reparationen nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern als Aufruf zu einem Systemwechsel: «Wenn man die Schulden streicht, werden sie sich in fünfzehn Jahren wieder aufgebaut haben. Wir müssen das Schuldensystem abschaffen», erklärt er, und fordert eine «Wirtschaftsdemokratie» anstelle der «liberalen Demokratie».

Reparationen sind also «ein kollektives, dekoloniales und politisches Projekt. Es zwingt uns, die Grundlage dessen in Frage zu stellen, was seit 1492 das Geflecht [ezw1] der menschlichen Katastrophe bildet, nämlich den Kapitalismus, der sich aus hierarchischen Vorstellungen von «Rassen» speist. Diese gilt es zu zerstören. Das muss das Ziel der Reparationen sein. Das politische und wirtschaftliche Modell, in dem wir leben, zu ändern. (…) Reparationen sind ein Vorwand, um eine Veränderung des Herrschaftsparadigmas einzuleiten.» Ein Reparationsprojekt und die damit verbundene Reparatur wird zu einem «unendlichen Projekt», das in der Zeit gefangen ist, die nötig sein kann, um das rassistische kapitalistische System, gegen das es kämpft, rückgängig zu machen.

ZUM ABSCHLUSS: STRATEGIEN UND PERSPEKTIVEN

Eine Person aus dem Publikum fragt das Podium nach Strategien für die Durchsetzung von Reparationen. Die Strategien und Perspektiven, die im Verlauf der Veranstaltung erwähnt wurden, werden hier in ihren weitreichenden Ambitionen als Abschluss dieses Berichts über das Podium «Recognise, restitute and repair» wiedergegeben.

Dr. Amzat Boukari-Yabara schlug Verfassungsänderungen auf der Grundlage afrikanischer Denksysteme vor. Als Beispiel nannte er die Ujaama-Politik in Tansania, die eine auf der traditionellen Ökologie basierende Wirtschaft unterstützt.
Mireille Fanon Mendès-France rief zu einer sozialen Bewegung für Reparation auf, die möglicherweise von den Staaten unterstützt, aber nicht von ihnen angeführt werden sollte. In einem späteren Gespräch bezeichnete sie auch Breitenbildung und soziale Bewegungen sowie horizontale Dialoge zwischen jungen Wissenschaftler*innen, die ihre Forschungen vorstellen, und den Entscheidungsträger*innen der afrikanischen Gesellschaften als wichtige Orte der Weitergabe.
Dr. Ndongo Samba rief zu einem revolutionären Panafrikanismus, aufbauend auf einer neuen Vision der Dekolonisierung, auf. Er forderte außerdem eine Abkopplung vom vorherrschenden Wirtschaftssystem. «Afrika muss sein eigenes Zentrum werden. Sonst wird es in einer multipolaren Welt zwischen mehreren Zentren hin- und hergerissen.»
Zora Snake: «Künstlerisch gesehen werden wir zu den Ansprechpartnern der Jugend. Wir müssen Solidarität innerhalb der Gesellschaft schaffen. Wir transzendieren, transponieren und schaffen Poesie.» Außerdem geht es darum, koloniales Vokabular zu dekonstruieren, indem die Wissensproduktion wieder lokalisiert wird und auf lokale statt auf westliche Kunst und Kanons Bezug nimmt.
Dr. Koulsy Lamko sprach von der Notwendigkeit, «zu mobilisieren, eine Gruppendynamik zu schaffen und sich zu organisieren, um in einem gemeinschaftlichen Impuls die Grundzüge einer Schicksalsgemeinschaft zu entwerfen. Gruppen und Institutionen aus dem Globalen Süden und Norden zu identifizieren und Allianzen der Bedingungen zu schaffen». Eine Re-Humanisierung durch Wissensreparatur und Praxis.

 

[1] in «Epilogue», Princeton University Press, 2022.
[2] Aus einem späteren Interview mit dem Künstler in Köln am 7. Juni 2023.
[3] Übersetzung durch Dr. Koulsy Lamko.
[4] Eine Zahlung, die sich auf 8,5 Millionen Dollar belief. Zusammenfassend sei empfohlen: «The Ransom: The Root of Haiti’s Misery: Reparations to Enslavers», New York Times, 16th of November 2022, online abgerufen.

 

Aus dem Englischen von Frank Weigand

Marie Yan (c) Yan Ho

Marie Yan ist eine mehrsprachige Autorin und Dramaturgin. Sie schreibt auf Französisch und Englisch, spricht Deutsch, lernt Kantonesisch. Die Welten, die sie entwirft, stützen sich auf dokumentarisches Material und spekulative Fiktion. Sie hat über Grenzen (Ich muss rüber, Auftrag des Theaters Eskişehir, 2019), Verschwörungstheorien (La Théorie, Festival Impatience, Paris, 2021), die drohende Klima-Katastrophe und das Anwachsen des Autoritarismus (A Tidal Home, Hong-Kong, 2021) geschrieben. Ihr laufendes Projekt Minotaurus oder das Kind im Labyrinth, nach Dürrenmatt, beschäftigt sich mit der Inhaftierung von Minderjährigen in Frankreich in Zusammenarbeit mit Theatergruppe Lou Pantail. Für ihr erstes Stück The Fog wurde sie mit dem Mary Leishman Preis ausgezeichnet, für ihren demnächst erscheinenden Essay Hong Kong: Struggling home erhielt sie ein Grenzgänger-Stipendium. Sie arbeitet zwischen Frankreich und Deutschland.

www.marieyan.com

@_marie_yan (IG)

 

Der vorliegende Text entstand im Rahmen des Diskursprogramms «Gewalt und Widerstand» des africologneFESTIVAL 2023. Gefördert durch den Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Programms Neustart Kultur der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Kunststiftung NRW.

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