Die vielfachen Übersetzungen von George Sands „Gabriel“ sind Zeichen einer Wiederentdeckung durch den deutschen Kulturbetrieb. Zu Recht, findet Yasmine Salimi Der Schmerz des binären Geschlechts

Im Januar 2020 erhielt ich vom Badischen Staatstheater Karlsruhe einen besonderen Auftrag: mit «Gabriel» einen dialogischen Text von keiner Geringeren als George Sand zu übersetzen. Im Gewand einer melodramatischen Macht- und Liebesintrige sezierte und dekonstruierte sie darin bereits 1839 die sozialen Mechanismen von Geschlecht.

«Gabriel» wächst als Junge auf, um das Erbe seines fürstlichen Großvaters antreten zu können, obwohl er mit einem Körper geboren wurde, der gemeinhin als weiblich gilt – die Zuschreibung von Gender wird umgekehrt und als performativer Akt erkennbar. George Sand lässt ihre Hauptfigur abwechselnd als «Gabriel» und als «Gabrielle», als Mann und als Frau auftreten und adressieren, wodurch die Kontraste und Widersprüche sozialer Konventionen mit voller Wucht zu Tage treten. Das angestaubte komödiantische Motiv der geschlechtlichen Verwechslung wird so zum Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte, in der die Gewalt gegenüber dem weiblichen Geschlecht umso heftiger spürbar wird, als die Hauptfigur nicht in dieses hineingewachsen ist.

Diesen besonderen Text hatte Annabelle Hirsch wiederentdeckt und sich darüber gewundert, dass er noch nicht ins Deutsche übersetzt worden war. Das sollte ich nun also erledigen. Aufgrund der knappen Zeit fertigte ich zunächst eine Rohübersetzung an. Ich stieß dabei auf eine deutsche Übersetzung ­von Johannes Scherr unter dem Titel «Das Majorat» aus dem Jahr 1848. Welche Version sollte nun gespielt werden – die historische aus der Zeit von George Sand? Oder die heutige, in Auftrag gegebene Version? Es tauchte noch die aktuelle Übersetzung von Andreas Erdmann auf. Als schließlich doch an meiner Version festgehalten wurde, bekam ich zum Jahreswechsel 2020/21 die gekürzte Fassung und überarbeitete diese für die anstehenden Proben. Doch die für Ende März 2021 geplante Premiere wurde pandemiebedingt um über ein Jahr verschoben. In der Zwischenzeit fand in Saarbrücken eine deutsche Erstaufführung statt, in der Übersetzung und Regie von Sébastien Jacobi. Und ich hatte noch eine weitere, noch frühere historische Übersetzung von Ernst Susemihl von 1840 gefunden. Gemeinsam mit der kürzlich erschienenen Übersetzung von Elsbeth Ranke (die der Reclam-Verlag als «Deutsche Erstübersetzung» ausgibt) gibt es nun meiner Kenntnis nach sechs deutschsprachige Versionen von «Gabriel». Wie wäre es wohl gewesen, wenn wir vier gemeinsam daran gearbeitet hätten! Man weiß es nicht. Dabei hätte ich mir oft gewünscht, mit dieser Arbeit weniger allein zu sein.

Swana Rode als Gabriel am Badischen Staatstheater Karslruhe (c) Felix Grünschloß

Lege ich die beiden «alten» Übersetzungen neben meine, wird deutlich, wie groß die historische Distanz dazwischen ist. Abgesehen von einer heute sexistischer klingenden Sprache (vom «Weib» oder «Frauenzimmer» zur «Frau») kann und will ich nur auf Grundlage meiner heutigen Sprachkompetenz übersetzen – und vor allem für heutige Ohren. Die zugleich altmodisch klingende wie – vergleichsweise – aktuelle Sprache meiner Übersetzung wird als künstliche Sprache erfahrbar.

Irritierend waren für mich etwa die Ansprachen in Form der Adelstitel und Anredepronomen, in denen die soziale Ordnung zum Ausdruck kommt. Denn es sind zahlreiche Varianten denkbar, im Hinblick auf die deutschen Begriffe (Hoheit oder Durchlaucht?), die zugehörigen Pronomen und ihre Deklination (Euer oder Eure?) – und überhaupt, wie werden die Sätze dann konjugiert? Hat Eure Durchlaucht oder haben Eure Durchlaucht wohl geruht? Bereits im ersten Satz stellen sich diese Fragen. «Votre altesse est-elle toujours aussi fatiguée ?» wurde bei mir schließlich zu: «Sind Eure Durchlaucht immer noch so müde?». Bei Susemihl heißt es «Ist Ew. Hoheit noch immer so ermüdet?», bei Scherr: «Fühlen sich Ew. Durchlaucht noch immer so ermüdet?» – das «Ew.» (bei beiden in Frakturschrift) ist eine Abkürzung für «Eure»/ «Euer». Die Diskrepanz zwischen der Leipziger Übersetzung von 1840 und der Stuttgarter Übersetzung von 1848 ist ein Hinweis auf die damalige Heterogenität des deutschen Sprachraums. Auch war der Gebrauch der Anredepronomen «Du», «Sie» und «Ihr» im Wandel begriffen. Ich entschied mich für die auch damals schon modernere Kombination von «Sie» für «vous» und «Du» für «tu». Die Vorstellung einer authentischen historischen Übersetzung aber wird obsolet. Zumal der historische Referenzpunkt gar nicht so klar ist.

Denn George Sand arbeitet selbst mit dem Mittel verfremdender Distanz, wenn sie die Geschichte von «Gabriel» in der italienischen Renaissance ansiedelt. Auch die Karlsruher Inszenierung von Regisseurin Sláva Daubnerová und Team spielt mit dem Wandel der Zeit in Kleidung und Mobiliar, Musik und Kunst – und in den Geschlechternormen: Eine Figur wie Gabriel*le verweist in eine Zeit, die noch nicht gekommen ist, weswegen die Inszenierung das Motiv des androgynen Erzengels Gabriel durch Heiner Müllers Text vom «Engel der Verzweiflung», inspiriert von Walter Benjamins «Engel der Geschichte», diskursiv überhöht.

Swana Rode (Gabriel) und Andrej Agranovski (Graf Astolphe) (c) Felix Gründschloß

In der von George Sand gezeichneten Gesellschaft eines privilegierten europäischen Adels, in der die sozialen Normen stark kodifiziert sind, zählt nicht das Individuum, sondern die standesgemäße Erfüllung seiner Aufgaben. So gibt es keinen Raum für Gabriel*les eigene Identität, die heute wohl als genderfluid bezeichnet werden kann. Vielmehr geht es um das, was für sie*ihn als Mann oder als Frau jeweils machbar ist oder erwartet wird. Ausgeblendet bleibt dabei interessanterweise der biologische Faktor der Gebärfähigkeit. Doch erlebt Gabriel*le am eigenen Leib, dass Gender eine Performance ist. Geradezu durchexerziert wird dies in der Duellszene, in der Nebenbuhler Antonio Gabriel*les Geschlecht auf die Probe stellt.

ANTONIO «Halt! Meister! Wenn diese Ohrfeige von der Hand einer Dame kommt, strafe ich sie mit einem Kuss; wenn Sie aber ein Mann sind, geben Sie mir Satisfaktion. (…)»

GABRIEL (…) «Bleiben Sie im Unklaren, wenn Sie wollen, bis Sie an der Art, wie ich meinen Degen einsetze, erkennen, ob ich berechtigt bin, ihn zu tragen.»

Gabriel beweist durch – erlernte – Fechtkünste seine Männlichkeit, indem er Antonio besiegt und verwundet. So entgeht er dem von seinem Gegner (und Möchtegern-Liebhaber) geforderten Geschlechtsnachweis durch das Freilegen der Brust. Mit dem Entblößen der Brust als – auch juristische – Festlegung auf eine weibliche Identität droht auch Gabrielles Cousin und Liebhaber Astolphe, falls sie ihm die Heirat verweigert, die seine Autorität über Gabrielle vertraglich absichern würde. Die begehrte Brust zu schänden, um sie dem patriarchalen Zugriff zu entziehen, erscheint Gabriel als mögliche Erlösung.

«Dieser letzten Beleidigung verweigere ich mich, und eher, als diese Kränkung auf mich zu nehmen, werde ich diese Brust in Stücke reißen, diesen Busen verstümmeln, bis er das Grauen derer weckt, die ihn erblicken, und niemand, der mich nackt sieht, wird lächeln…»

Die simple Gleichung «Brüste = Frau» wird in der Karlsruher Inszenierung gebrochen, indem Gabriel*le-Darstellerin Swana Rode von Anfang an ein transparentes Oberteil trägt. Für mich war es ein wichtiges Erlebnis, den übersetzten Text bei der Premiere endlich leben zu sehen. Jede Übersetzung steckt voller Entscheidungen, die immer auch anders ausfallen könnten. In keiner Version wird es jedoch zu verhindern sein, dass «Gabriel» die Finger tief in die Wunden des sozialen Geschlechts legt.

«Gabriel» von George Sand
In der deutschen Übersetzung von Yasmine Salimi (Aufführungsrechte: henschel SCHAUSPIEL)

Regie: Sláva Daubnerová
Bühne: Sebastian Hannak
Dramaturgie: Anna Haas
Kostüme:Natalia Kitamikado
Mit Swana Rode, Gunnar Schmidt, André Wagner u. a.

Premiere am 14. April 2022 am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Übersetzerin, Dramaturgin und Doktorandin Yasmine Salimi

Yasmine Salimi, geboren 1986 in Köln, ist Übersetzerin, Dramaturgin und Doktorandin.
Sie hat verschiedene Theaterstücke aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Sie ist in unterschiedlichen Kontexten als freie Dramaturgin tätig, u. a. als Teil des Berliner Figurentheaterkollektivs manufaktor und für das internationale Festival Theater der Dinge an der Schaubude Berlin. Zuletzt war sie als Co-Projektleitung des ersten Jahrgangs der Akademie Kunst und Begegnungen vom Bündnis internationaler Produktionshäuser tätig. Sie hat zuvor u. a. mehrere Jahre lang am Ballhaus Naunynstraße Berlin in der Dramaturgie gearbeitet. Außerdem promoviert sie über Theatertribunale. Zuvor absolvierte sie den B.A. «Deutsch-Französische Studien» an den Universitäten Bonn und Paris-Sorbonne und schloss ihr Magistrastudium in Germanistik, Französisch und Philosophie an der Universität zu Köln ab. Aktuell lebt sie in Berlin.