Der Übersetzer, Schauspieler und Regisseur Sébastien Jacobi über seine Arbeit an „Gabriel“ von George Sand Kollateralschaden: Geschlecht!

Von Sébastien Jacobi

2013 habe ich schon einmal einen Text von George Sand übersetzt: «Une Conspiration en 1537» – weil es auch diesen nicht in einer deutschen Fassung gab. Ich habe ihn in meine Inszenierung «Lorenzaccio- Le Fou oder: la vie un film noir» am Schauspiel Frankfurt eingewoben. In der Spielzeit 2019/20 habe ich schließlich «Gabriel» übersetzt und mit dieser Übersetzung dann auch die Deutschsprachige Erstaufführung am 11. September 2021 am Saarländischen Staatstheater inszeniert. 180 Jahre lang gab es keine deutsche Übersetzung – und auch in Frankreich ist das Stück bis heute erstaunlich unbekannt, obwohl George Sand dort zum literarischen Kanon gehört. Zwar hatte George Sand nicht regelmäßig für die Bühne geschrieben, dennoch gab es in ihrem Werk Ansätze. Immerhin hat ein von ihr verschenktes Manuskript zu einem der erfolgreichsten Stücke in Frankreich geführt: «Lorenzaccio» von Alfred de Musset, der französische Hamlet.

Der Reclam-Verlag präsentiert «Gabriel» nun als Buch mit der Bezeichnung Dialog Roman. Aber «Gabriel» ist ein Theaterstück, ein Schauspiel – und zwar total, in jeder Hinsicht, und ich finde dieses Labeln problematisch, weil es mit dazu beigetragen hat, dass dieses große Stück so lange am Theater ignoriert werden konnte. Roman sous forme dramatique, war wohl eher Marketing, als es damals als Serie im Zeitschriften-Format erschien. Wir sollten heute auf diese Bezeichnung verzichten, damit «Gabriel» sich endlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, etablieren kann und kein Nischen-Dasein fristet.  Gabriel sollte auf dem Theater zu Hause sein, wie Hamlet, Faust, Peer Gynt oder Baal. «Gabriel» entfaltet nämlich genauso ein grundmenschliches Tableau – mit dem wesentlichen Unterschied, dass hier nicht eine biologisch weibliche Figur lediglich als Katalysator für einen Entwicklungsbogen einer biologisch männlichen Figur wirkt und schließlich als Kollateralschaden entsorgt werden muss. Es ist ein Stück für eine Frau, geschrieben von einer Frau, ohne dass es die ganze Zeit nur um Frau geht.

GABRIEL:

«Die Frau! Die Frau, ich weiß nicht, was Sie mir immer über die Frau erzählen. Was mich angeht, so habe ich nicht das Gefühl, daß meine Seele irgendein Geschlecht hätte.»

 

Ein, zwei, drei – oder unzählige Geschlechter? Barbara Krzoska und Jan Hutter als Gabriel und Astolphe

Einen neuen Blick bringt dieses Stück nicht in erster Linie dadurch, dass hier der Selbstermächtigung einer unterdrückten Frau eine Bühne geboten wird, sondern im Gegenteil: Dem schmerzhaften Prozess der De- und Rekonstruktion einer zunächst von außen empowerten Persönlichkeit. George Sand benutzt die Märchenfolie: Prinzen, Fürsten, Schlösser, konspirative Häuser im Wald, Weltflucht, Verkleidungsspektakel im Boudoir und im Karneval, es gibt die Intrige, den Mord. Unter dem Setting einer Fabel erzählt sich eine Parabel. Wie ein kleiner Buddha tritt dieser exemplarische Mensch aus einer Naivität heraus in die Welt, erlebt, macht Fehler, erfährt, erkennt, handelt und verheddert sich schließlich. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Auch hier werden Kollateralschäden entsorgt (nur, dass diesmal die männlichen Kollegen das spielen dürfen). Mit biblischen Motiven demontiert Sand die Konstruktion der Schöpfungsgeschichte. So wie Kleist fragte, ob wir nicht irgendwie von der anderen Seite wieder ins Paradies hineinkommen könnten, im Zweifel durch einen zweiten Sündenfall, so stellt Sand die Frage nach einer anfänglichen Ordnung. Gabriel träumt, er sei eine Frau. Dieser Traum ähnelt dem Sturz der Engel, womit gleich im Anfang des Stückes eine Welt- und Himmelsordnung auf den Kopf gestellt wird. Die Frage nach dem Geschlecht geht weit über die Frage nach einem biologischen Geschlecht eines Individuums hinaus. Die Gender-Frage (im modernen gesellschaftlichen Sinne) wird von Sand fast nebenbei erstaunlich gelassen gestellt. Nicht die Protagonistin hat ursprünglich ein Identitätsproblem, sondern alle Figuren um sie herum jagen Projektionsfantasien hinterher.

Abgeschottet von der Welt wächst Gabriel in einer idealen Blase auf, zwar misogyn erzogen, aber ausgestattet mit unendlicher Neugier und dank der Inkonsequenz seines Mentors auch mit Empathie, geschärfter Urteilskraft und einem moralischen Kompass. Außerhalb dieser Blase gerät er jedoch in Konflikte. Die reale Welt als ein Lokal, eine Spelunke, in der getrunken und sich geprügelt wird, die Welt als Kneipe, Bühne, Spektakel! Die W-Fragen beginnen und nicht nur Gabriel kommt ganz im Sinne Judith Butlers: in Gender Trouble. Von der Kneipe geht es nach gemeinsamer Schuldaufladung (sowohl Gabriel als auch Astolphe bringen einen Menschen um) ins Gefängnis und von da in ein gemeinsames Leben als Freunde und schließlich als Liebende. Nicht zuerst Gabriel hat damit ein Problem, zwischen Gabriel und Gabrielle zu switchen, zwischen Kumpel und Liebender, mit Verwandtschaft oder ohne, sondern eben Astolphe, der mit einer normativen Ideologie aufwartet und alles kaputtmacht, wonach er sich sehnt. Sand erzählt gleichberechtigt vom menschlichen Kampf mit Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit und denkt diese auch immer zusammen. Die Entlarvung dieses binären Systems als Fehlkonstruktion gleicht einer Empörung gegen diese eine Schöpfungsgeschichte. Sand lässt Gabriel zuerst nicht revoltieren, sondern sich in die Debatte begeben: Verstehen, Begreifen, in Dialog treten, Argumentieren. Dennoch führt das in die Eskalation. Zu starr sind gesellschaftliche Normen und Vorurteile.

Statt des Ideals des Genderfluiden erstarren Gender, werden Rückzugsort: Safe Spaces.

Ein Scheitern, denn Sand ist auf der Suche nach einem Zustand der Androgynie. Sie spricht von einem «Dritten Geschlecht». Sie bevorzugt die Gleichwertigkeit (égalité) statt einer Gleichartigkeit (similitude) der Geschlechter. Dies wird Gabriel nicht ermöglicht zu leben. Ständig arbeiten sich sowohl Männer als auch Frauen an der Frage ab, wer oder was Gabriel sei. So bleibt nur Kampf.

Fluid oder erstarrt? Gender-Trouble bei George Sand

Mit dem Ende der Utopie einer fluiden Geschlechterpartnerschaft gibt sich Gabriel der kompletten Dekonstruktion hin: Das Zerlegen in Fragmente und das Hoffen auf eine Zeit, in der sich diese Fragmente neu und immer wieder neu zusammensetzen können. Die gewaltsame Beendigung dieses Projekts kommt einer Befreiung gleich und der Auflösung aller Geschlechtsidentität. Wie ein Gemälde, das noch nicht getrocknet ist, verwischt wird.

«Gabriel» kann zu Gender-Debatten einen ganz eigenen Beitrag leisten. Am Beispiel von George Sand kann man sehen, dass auch im 19. Jahrhundert Nonbinarität ein großes Thema gewesen sein muss. Es tut gut, ein Stück zu haben, das aus einer Distanz auf ein für uns akutes Thema blickt. Es kann andere Blickwinkel mit ungewohnten Vokabeln eröffnen, die vielleicht zu oft, von einem erwarteten Meinungsbild mit immer gleichen Wörtern verstellt werden. Ich sehe darin eine große Chance, denn Theater ist ein zeitversetztes und Zeit versetzendes Medium, das Tiefenschärfe braucht.

Ich hatte keine Ambitionen, den Text sprachlich radikal zu aktualisieren. Meine Erfahrung als Schauspieler ist, dass man oft viel offener mit Texten umgehen kann, wenn man Assoziationen und aktuelle Links frei drauf spielen kann und sie nicht schon eingeschrieben sind. Ich wollte eine Sprache, die ineinandergreift, die man sofort spielen will. Das konkrete Hinarbeiten auf eine Inszenierung machte auch die Übersetzung konkret. Eine spielbare Fassung aus dem Übersetzungsvorgang heraus generieren zu können, wurde ein sinnlicher Vorgang und hat den Atem der Inszenierung letztlich auch beeinflusst.

Die Anreden vôtre/son altesse, monseigneur boten die Möglichkeit eine teilweise genderneutrale Sprache zu erhalten: They Power!

Ich freue mich, dass George Sand mit «Gabriel» endlich auch am Theater im deutschsprachigen Raum jenseits einer Mallorca-Lektüre Aufmerksamkeit bekommt. Sie ist eben nicht nur eine gigantische Autorin, sondern auch eine Dramatikerin, die auf die Bühne gehört!

«Gabriel» von George Sand
Aus dem Französischen von Sébastien Jacobi
Deutschsprachige Erstaufführung 11. September 2021 am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken
Inszenierung, Bühnenbild, Film: Sébastien Jacobi
Dramaturgie: Bettina Schuster-Gäb
Kostüme: Cinzia Fossati
Musik: HENRI
Mit: Fabian Gröver, Barbara Krzoska, Gaby Pochert, Jan Hutter, Christiane Motter, Rick Henry Ginkel

Autor, Regisseur und Übersetzer Sébastien Jacobi

Sébastien Jacobi studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Festengagements führten ihn nach Basel, Dortmund, Köln und Frankfurt. Er arbeitete u. a. mit Regisseur*innen wie Bettina Bruinier, Alice Buddeberg, Daniel Cremer, Christoph Loy, Michael Thalheimer, Martin Wuttke, Dusan David Parizek, Philipp Preuß und Jan-Christoph Gockel. Als Regisseur inszenierte Jacobi in Den Haag, am Schauspiel Frankfurt, dem Theater Bielefeld, dem Staatstheater Stuttgart und dem Saarländischen Staatstheater. Seine Übersetzungstätigkeit steht im Zusammenhang mit der Tätigkeit als Regisseur und Schauspieler. Für Jacobi bedeutet Inszenieren: Mêtre en scène – einem Text nicht nur zu helfen, von einem Sprachraum in einen anderen zu kommen, sondern ihn in auch in einen Bühnenraum arrangieren.