Franziska Baur Die Überführung – Begegnung mit einem Übersetzer

Wir schreiben Montag, den 18. Oktober 2021. Eine befreundete Schauspielerin aus Wien ist zu Gast in Paris, sie hat Liebeskummer. Beim Kaffee am Morgen verkündet sie prompt, sie wolle den Ort besuchen, an dem Ödön von Horváth gestorben ist. Eine Mücke hatte ihr in der Nacht den Schlaf geraubt, und während sie stundenlang wach dalag, erinnerte sie sich plötzlich an den sagenumworbenen Tod des berühmten Dramatikers. Am Abend des 1. Juni 1938 wurde dieser auf den Champs-Élysées von einem herabstürzenden Kastanienast erschlagen. Es stürmte als Horváth das Café Marignan verließ, in dem er mit dem Regisseur Robert Siodmak über die Verfilmung seiner Jugend ohne Gott sprach, die nie gedreht werden sollte. In einer mysteriösen Vorahnung, dass ihm in Paris etwas zustoßen werde, entschied er sich trotz des heftigen Gewitters, zu Fuß zu gehen – so zumindest erzählt es die Legende. Wenig später war er tot.

Ein Hochhaus namens Mexiko

Die Schauspielerin macht sich nach dem dritten Kaffee auf den Weg. Auch sie geht zu Fuß und wir verabreden uns für den Abend. Indessen habe ich ein Treffen mit dem österreichischen Literaturübersetzer Heinz Schwarzinger, den ich in seiner Wohnung unweit der Nationalbibliothek treffe. Das Paris dort ist eines, das Horváth nicht gekannt hat. Große Türme ragen über die klassizistischen Haussmann-Fassaden hinaus, der Übersetzer wohnt in einem dieser Hochhäuser, das den Namen Mexiko trägt. Die Klingel funktioniere nicht, ich solle laut klopfen, sagt der Herr am Eingang, der mir den einen von sechs Aufzügen holt, der mich zur besagten Wohnung bringen soll, in dem der Übersetzer seit zehn Jahren wohnt.

Ich hatte ihn mir anders vorgestellt.

Er ist gebürtig aus Klagenfurt, der kleinen Stadt der großen Literaten. Wie geht das? Wie kommt das? – am Morgen fragten wir uns das mit der Schauspielerin. Vier Tage zuvor hatte sie eben dort eine Theaterpremiere von Schnitzlers Reigen gefeiert. Sie versuchte den Klagenfurter Dialekt nachzuahmen und stockte jedes Mal beim «s» und beim «ei», auch nach dem mehrmaligen Hören von Bachmanns Gedicht An die Sonne, das ich davor noch nie von der Dichterin selbst gesprochen gehört hatte, und das in der Tat sehr besonders ist. Aus dieser Stadt also kommt der Übersetzer, der seit vielen Jahrzehnten in Paris lebt. Wir reden Deutsch miteinander, und ich kann nicht einschätzen, ob er in Kärntner Mundart spricht.

Kryptische Übersetzungslisten

Der Übersetzer ist ein großer Mann. Ich verspüre kein Misstrauen seinerseits, aber eine Zurückhaltung und eine Vorsicht. Wir trinken Kaffee im Wohnzimmer, ich nehme die vielen Bücher, Pflanzen und Masken wahr, auf die ich ihn anspreche, bevor ich mich verabschiede. Wir gehen die vielen Theaterstücke durch, die er in den letzten Jahrzehnten in die deutsche und französische Sprache übertragen hat. Um sie in das Archiv aufnehmen zu können, benötige ich seine Hilfe. Ich finde mich in den kryptischen Listen seiner Übersetzungen, die er mir wohlwollend geschickt hatte, nicht ganz zurecht. Bevor ich gehe, sitzen wir uns noch einmal gegenüber und ich frage ihn nach seinen Übertragungen von H. Müller und K. Kraus. Dann erzählt er mir, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte, von Horváth.

Als junger Mann hat er jahrelang das gesamte Werk des Dramatikers übersetzt, von dem seit den Morgenstunden die Rede ist. Er sei fasziniert gewesen von diesen Texten und von diesem Leben, erzählt mir der Übersetzer, und sagt dann, die beiden seien sich einmal auch in einer intimen Weise begegnet. Ich verstehe nicht, komme kurz durcheinander, liegt das Geburtsjahr des Übersetzers doch nach dem Todesjahr des Dramatikers – ein kurzes Zögern meinerseits, dann erzählt mir der Übersetzer folgende Geschichte.

Horváths Oberschenkelknochen

1988 beschloss der Wiener Gemeinderat Horváth ein Ehrengrab auf dem berühmten Heiligenstädter Friedhof in Wien zu errichten. Nach seinem unerwarteten Tod wurde der Dramatiker, der 36-jährig starb, in Saint-Ouen nördlich von Paris begraben. Als die Grablizenz dort auslief und die Alleinerbin Elisabeth von Horváth, die ihren Schwager nie kennengelernt hat, ihr Einverständnis für die Überführung der Gebeine gab, beauftragte die Österreichische Botschaft in Paris den französischen Übersetzer Horváths mit dieser Aufgabe. Formulare und Vollmachten wurden unterschrieben, diplomatische Vereinbarungen zwischen Wien und Paris getroffen, dann war es so weit. An einem sonnigen Morgen gruben zwei Totengräber das aus der Erde, was fünfzig Jahre nach dem Tod Horváths von ihm geblieben war: einige Splitter, die Schädeldecke und ein großer Oberschenkelknochen. Die Überreste wurden in einen hölzernen Kindersarg gelegt, verschraubt und versiegelt. Der Übersetzer fuhr mit dem Sarg, den er in seiner Erzählung mal Truhe, mal Kiste, mal Koffer nannte, in seine damalige Wohnung. Bevor die Reise am nächsten Tag nach Wien ging, vergeht eine Nacht. Eine Nacht mit den Knochen des Dramatikers im Raum nebenan, dessen Werk sich der Übersetzer so lange gewidmet hatte. Am darauffolgenden Tag dann die Reise nach Wien. In einem Text, den der Übersetzer über die Überführung geschrieben hat, heißt es über die Truhe mit den Knochen: «Im Flugzeug darf ich sie nicht bei mir behalten, so sehr ich auch darauf bestehe. Doch sie kommt wenigstens nicht zum Gepäck, sondern wird neben der Flugkabine abgestellt.» Drei Wochen später fand das Begräbnis Horváths in Wien statt. «Ein ergreifendes Ereignis», schreibt der österreichische Schriftsteller Peter Turrini, es stimme, «was der Bürgermeister in seiner Grabrede sagte: «Ödön von Horváth ist endlich zu Hause.»

Die Bestattung erwähnt der Übersetzer lediglich. Mit der Überführung war seine Aufgabe getan.

Sein Text, den ich später lese, beginnt wie folgt: «Zuerst die Frage: ist es rechtens und gut, Horváth nach Wien zu bringen, in eine Stadt, der er entflohen, ein Land, das ihm nie wirklich Heimat geworden war, ihm, dem nur der Geist Heimat war.»

Ein paar Tage später stoße ich auf folgende Worte von Horváth: «Ich habe keine Heimat und leide natürlich nicht darunter, sondern freue mich meiner Heimatlosigkeit, denn sie befreit mich von einer unnötigen Sentimentalität.»

Ein wenig benommen verabschiede ich mich von dem Übersetzer, laufe durch die Straßen bis zum Panthéon, wo ich die Schauspielerin treffe. Es ist Abend geworden. Ich muss an den Pianisten Friedrich Gulda denken, der – nachdem schon einmal auferstanden – ganz zum Schluss seiner G’schichten aus dem Golowinerwald, zart folgendes Lied singt:

Wann i amal stirb!
Allweil fidel

Wann i amal stirb, stirb, stirb,
Müß`n mi` d`Fiaker trag`n 
Und dabei Zithern schlag`n,
Weil i das liab`, liab`, liab`,
Spielt`s an Tanz laut und hell, 
Allweil fidel!

D`Madeln von Wien, Wien, Wien,
Wer`n in der Trauer gehn,
Und um die Bahr dastehn.
Es is dahin, -hin, -hin,
Der Geist war, meiner Seel,
Allweil fidel!
 

Franziska Baur ist Dramaturgin und Übersetzerin. Sie ist eine der Mitentwicklerinnen von PLATEFORME.