„Ich würde mir wünschen, dass die Schweine die Macht übernehmen.“ Von Menschen und Tieren

Die Regisseurin Charlotte Sofia Garraway und die Dramaturgin Isabel Stahl im Gespräch mit der Übersetzerin Corinna Popp

Corinna Popp: Am 30. März 2022 feierte die Deutschsprachige Erstaufführung des Stückes «Pig Boy 1986-2358. Replay der Menschwerdung» der französischen Autorin Gwendoline Soublin in Plauen Premiere, nachdem es 2018 beim Festival Primeurs in Saarbrücken in einer Werkstattinszenierung vorgestellt worden war. Wie kam es zu der Entscheidung, «Pig Boy» zu inszenieren und welcher Aspekt hat euch besonders interessiert?

Isabel Stahl: Die Chefdramaturgin Maxi Ratzkowski hatte das Stück schon länger im Blick und fand die Art der Darstellung spannend. Und auch das Thema Schweine – Vegetarismus – Science-Fiction, diese drei Ebenen bzw. drei in sich geschlossenen Geschichten fand sie interessant. Und es stand auf dem Plan, in dieser Spielzeit ein Stück einer jungen Autorin auf die Bühne zu bringen, mit einem jungen Team. Deshalb hat sie «Pig Boy» vorgeschlagen und wir waren uns alle schnell einig, dass wir das einen spannenden Stoff finden.

Charlotte Garraway: Ich bin angefragt worden, weil eine junge Regiestimme gesucht wurde, für ein etwas anderes Stück. Dann habe ich den Text bekommen und war sehr schnell Feuer und Flamme.

Du hast nicht gedacht, dass es ein schwieriger Text ist?

Garraway: Doch das habe ich auch gedacht, aber da hatte ich Lust drauf. Und lustigerweise waren die Stellen, bei denen ich dachte, da wird es einfach, am Ende die schwierigsten.

Welche waren das?

Garraway:  Ich habe mich schließlich von dem letzten Text total berühren lassen, das ist nach wie vor mein Liebling. Ich dachte, da stellen wir einfach jemanden hin und der liest das vor und das ist es dann. Doch das hat gar nicht funktioniert. Dann haben wir da ewig daran herumgedoktert. Das war auch der letzte große Change, den wir gemacht haben, und es war am Ende so, dass gar nicht so viel passiert, sondern vor allem dieser Text zum Tragen kommt. Nur der Weg dahin war tatsächlich der anstrengendste, obwohl man ja erst mal denkt: «Oh krass, wie bringe ich das Internet auf die Bühne?»

Stahl: Ich habe auch am Anfang gedacht, der zweite Teil – auch wenn er spannend ist mit diesen drei Spalten nebeneinander und wie das geschrieben ist, und man hat sofort eine Video-Ebene im Kopf. Ich wusste, das wird auf jeden Fall eine Herausforderung.

Im zweiten Teil bringt der Text eine besondere Schreibweise mit sich: Fett gedruckte Schlagworte (z. B. «Prozess»), ein Countdown, der ausgeschrieben ist, und eben diese drei Spalten, die du ansprichst, Isabel. Hat diese besondere Gestaltung des Textdokuments auf euch eine Auswirkung gehabt, was für eine szenische Übersetzung habt ihr dafür gefunden?

Garraway: Ja, das hatte Auswirkungen, wir haben auch länger überlegt, gerade bei den drei Spalten. Eigentlich gibt es immer, wenn eine Art Monolog gehalten wird, zwei Kommentarspalten. Zuerst hatten wir die Idee, dass wir die Kommentare auditiv einspielen und haben Freunde gefragt, das aufzunehmen. Wir haben aber sehr schnell gemerkt, dass über dieses Organ nicht noch mehr möglich ist. Wir haben die Kommentare dann auch ins Video genommen. Und diese Schlagwörter sind auch im Video, zum Teil werden sie aber auch mitgesprochen – NATION NEWS zum Beispiel, das haben wir immer komplett ausgesprochen, oder dieses Gebet oder diese Hymne, PERTA PERTA INFINITA, haben wir auch gedoppelt. Wir haben das eigentlich so gut wie immer in die Video- und in die Ton-Ebene genommen, eben weil es so besonders war.

Um es sozusagen zu vergrößern?

Garraway: Ja, um es überhaupt umsetzen zu können. Wir haben auch Stellen, wo parallel geredet wird, kurz vor der Urteilsverkündung gibt es die Stelle, wo die drei Möglichkeiten des Ergebnisses vorgetragen werden. Bei uns sollen die Transliver davon überzeugt werden, «ja», «nein» oder «ich überlasse die Entscheidung allen anderen» zu stimmen (was ja auch absurd ist), und da hatten wir tatsächlich drei Spieler:innen, die das parallel gespielt haben. Aber das funktioniert an vielen Stellen gar nicht. Vielleicht hätte man jemanden hinstellen können und die Kommentare vorlesen lassen, aber das kam uns nicht so in den Sinn und hätte in unserem Zusammenhang nicht so funktioniert. Darum war von Anfang an klar, dass wir da unseren Videokünstler einbinden müssen.

Stahl: Durch diese Dreispaltigkeit waren eben auch schon drei Ebenen impliziert. Es spielt ja in einer näheren Zukunft, und wir kennen auch heute durch die ganzen medialen Einflüsse, denen wir jeden Tag ausgeliefert sind, so ein «Überflutet werden». Charlie hatte schon gesagt, dass im zweiten Teil so eine Überforderung auf uns einprasseln wird. Und eigentlich bewegen wir uns schon sehr viel auf dieser Ebene – mit dem Handy, mit dem Computer, mit 10 Tabs, die offen sind, und den Werbeeinflüssen, die wir jeden Tag vor Augen haben, ohne dass wir es merken – da werden wir so stark beeinflusst, dass das gar nicht so weit weg von uns ist.

 

Daniel Koch, Friedrich Steinlein, Andreas Torwesten, Else Hennig © Helge Gerischer

Wie seid ihr mit diesen drei Teilen umgegangen? Sind es bei euch drei verschiedene Stücke?

Stahl: Es gibt ja diese Verbindung zwischen den Teilen.

Ja, in der Geschichte. Aber szenisch?

Garraway: Ich habe rückblickend tatsächlich das Gefühl, dass es drei Inszenierungen waren, keine Serie, aber eine Reihe mit losen Bezügen. Ästhetisch haben sich verschiedene Elemente durchgezogen wie ein Herzschlag, das Cowboy-Motiv und die Schweine-Identität (unsere Schauspieler:innen tragen alle Schweinenasen).

Von Anfang an, alle?

Garraway: Ja, wir haben eine andere Realität behauptet. Im Video haben wir auch Bilder von anderen Menschen, aber wenn die Spieler:innen im Video aufgetaucht sind, hatten sie die Schweinenasen. Das war von Anfang an so eine Behauptung wie beim Grinch oder so, wo auch alle eine andere Nase haben, ohne dass das groß bespielt wird. Sie war einfach Teil deren Körper. Und statt Bluejeans haben sie rosa Jeans getragen. Das hat sich durchgezogen. Aber insgesamt hat sich diese Überforderung, die Isabel eben angesprochen hat, immer mehr gesteigert. Das Video fängt schon im ersten Teil an und es wird immer mehr, es ist erst nur so ein Herz, das aufpoppt und dann wieder verschwindet, und dann verwischt dieses Herz zu einem Rodeo-Reiter, dann sieht man die Schönheitswahl, und es kommen immer mal wieder Flash-Lights rein. Zum Ende vom ersten Teil wird das immer mehr und immer schneller. Also so wie die Hauptfigur Theodor mit allem überfordert ist, kommen wir als Zuschauer:innen immer mehr in eine Überforderung, sowohl auf der Videoebene als auch im Ton. Ich arbeite immer viel mit Audio. Und im zweiten Teil ist eigentlich fast durchgängig Video, und das Video interagiert mit den Schauspielenden. Im dritten Teil ist kein Video, da haben wir nur noch Ton. Es geht los, nachdem wir das erste Mal «Spiel mir das Lied vom Tod» gehört haben, soundtechnisch mit einem Herzschlag und auch im Bild. Und das ist auch das Letzte, was wir hören, das zieht sich so durch. Also es sind wie drei Inszenierungen, die zusammengehören.

Wir haben es so gemacht, dass die drei Teile jeweils von einer anderen Person übersetzt wurden, weil die Übersetzung für das Festival sehr schnell gehen musste.

Garraway: Ich hatte mir das schon gedacht, dass jeder einen Teil übersetzt hat.

Stahl: Uns war das nicht so klar, bzw. habe ich gar nicht so darüber nachgedacht.

Garraway: Ich finde, das liest sich raus – was ich aber nicht schlecht finde. Bei so einer Übersetzung von Dan Brown zum Beispiel finde ich das absolut Schwachsinn, einen ganzen Roman in Teilen von unterschiedlichen Stimmen übersetzen zu lassen. Also ich meine, was ihr macht, ist ja nicht einfach Wort für Wort vom Französischen ins Deutsche, sondern ihr übertragt eine Kunstform. Übersetzen ist ja nicht einfach, ihr habt schließlich auch eure Übersetzer:innenstimme. Man liest das raus, finde ich – ich lese wahnsinnig viel, vielleicht deshalb. Aber ich finde das passend, weil man in dem ersten Teil dadurch sehr bei Theodor ist. Zudem liebe ich die Du-Perspektive, die wird viel zu selten genutzt, dabei hat sie eine unfassbare Direktheit. Und im zweiten Teil passiert einfach so viel, dass man eine andere Sprache braucht, es ist viel Zeit vergangen, es ist viel passiert in der Welt. Und im dritten Teil muss man diesem Schwein eine Stimme geben.

Stahl: Deswegen habe ich es eben nicht gemerkt, weil es ja auch ästhetisch was völlig anderes ist.

Ja, die Teile sind sowieso so unterschiedlich.

Garraway: Welchen Teil hast du übersetzt?

Den mittleren Teil.

Stahl: Den Hardcore-Teil.

 

Friedrich Steinlein, Else Hennig, Andreas Torwesten, Daniel Koch © Helge Gerischer

Nochmal zu den Schweinenasen: Im zweiten Teil tritt Pig Boy dann auch als Rolle auf. Wenn alle die ganze Zeit Schweinenasen hatten, ist Pig Boy ja gar kein anderer?

Garraway: Pig Boy war nicht anwesend. Beziehungsweise nur im Video, wir haben als Pig Boy echte Schweine gehabt. Eben weil er keine Chance hat zu reden, selbst wenn er menschlich sprechen könnte, wird ihm dieser Raum ja nicht gegeben. Es ist ein Schauprozess, es ist von Anfang an klar, dass er gehängt wird.

Pig Boy ist ein echtes Schwein im Video?

Garraway: Ja, ein so ein niedliches Schwein, ich liebe es! Es ist so süß. Wenn Richterin Shanon sagt: «Warum schweigen Sie? Halten Sie sich für wichtiger als der Mensch?», dann guckt es immer so zur Seite und sein Schlappohr verdeckt sein Gesicht. Ich liebe unsere Schauspieler:innen, aber Pig Boy war mein Herzenstier. Wir haben so die Lösung gefunden, weil ich sehr lange überlegt habe, wie man die Rollen aufteilt, ich wollte eigentlich komplett rumspringen. Letzten Endes ist es nur Richterin Shanon, die von allen gespielt wird, alle anderen sind eindeutig. Also wir haben eine Katsue, wir haben einen Howard, wir haben einen Vlak.gogo (das ist auch ein Highlight), wir haben einen Maxime, und die Abwesenheit von Pig Boy hat sich irgendwie richtig angefühlt, weil er sowieso keine Chance hat. Und ich bin dagegen, Tiere auf die Bühne zu stellen.

Stahl: Im Vorfeld haben wir uns in der Dramaturgie viel mit dieser Gegenüberstellung beschäftigt: Mensch-Schwein und mit Schweinebildern. Was ist das Schwein für uns? Wie ist die Beziehung zwischen Menschen und Schweinen auch geschichtlich, und wie verschwimmen positive und negative Konnotationen? Das war ziemlich interessant. Wir hatten ein Buch über eine Kulturgeschichte, es gab eine Ausstellung am Schloss Neuhardenberg mit ganz vielen Bildern und Kunstobjekten, das war auch ganz spannend.

Sind im ersten und im dritten Teil alle Schauspieler:innen beteiligt?

Garraway: Ja, ursprünglich war es auch so, dass im ersten Teil alle alles im Wechsel gelesen oder gespielt haben, und das hat gar nicht funktioniert. Wir haben jetzt einen Theodor und diese Auswahlmöglichkeiten kommen jeweils von außen von den drei anderen Schauspielenden, die sind seine Cowboy-Idealbilder, was er gerne wäre: Sie kommen mit der vollen Montur, schönen Hemden, Cowboy-Stiefeln und Theodor kommt barfuß und hat so ein rosa, schlechtsitzendes Outfit und kriegt Gummistiefel von denen zugeworfen. Sie malträtieren ihn ein bisschen und symbolisieren das Scheitern eines Traums. Und im letzten Teil haben wir aus dem einen Schwein vier Schweine gemacht, die dann zumindest denken, dass sie ausbrechen. Ich habe tatsächlich beim ersten Lesen gedacht, er kommt frei, oh wie schön! Oh, mein Herz! Und dann beim zweiten Lesen habe ich gedacht: Scheiße, das Schwein verbrennt auch, und war ganz traurig. Und jetzt bieten wir zumindest die Möglichkeit an, dass das Schwein sich vorstellt, dass es ausbricht, also es gibt ja immer diese Stimme im Kopf, – wenn ich jetzt nach links gehe, dann treffe ich vielleicht XY, aber wenn ich geradeaus gehe, da ist das andere Café, das ist besser, da treffe ich XY nicht – also man geht quasi beide Wege.

Stahl: Die inneren Stimmen …

Garraway: Genau, wie bei «Frederik», dieses Kinderbuch mit der Maus, da kann man auch am Ende entscheiden, möchte man in ein anderes Mäusebuch? Man kann die Seiten wechseln. Am Ende führt jede Möglichkeit, die das Schwein hat, in den Tod, weil das Schwein nicht laufen kann, es ist körperlich nicht in der Lage, draußen zu überleben. Aber es darf ganz lange träumen, und es gibt diese vier Möglichkeiten. Das heißt, wir hauen nicht mit dem Hammer drauf, das Schwein ist tot, sondern alle vier gehen ab und am Ende bleibt der leere Käfig.

Also weiß man es am Ende nicht ganz genau?

Garraway: Man kann sich einreden, dass er es vielleicht doch geschafft hat. Naja, es endet mit einem Herztod. Wenn man gut drin ist, sich Dinge einzureden, geht man mit einem Happy End raus.

Eigentlich ist es ein Unhappy End? Würdet ihr das Stück insgesamt eher als trauriges, tragisches Stück bezeichnen oder als ein lustiges Stück?

Stahl: Leider ist es eher eine Dystopie, für mich auf jeden Fall.

Garraway: Aber tragische Sachen sind immer lustig, ich finde Shakespeares Komödien nicht halb so gut wie seine Tragödien, einfach weil diese lustiger sind.

Stahl: Ich find es nicht wirklich lustig.

Garraway: Ach doch …

Habt ihr in den Proben gelacht?

Garraway: Ja, wir hatten ganz viel Spaß. Wir haben auch mal eine Schweine-Impro gemacht, das ist dann rausgefallen, weil es ein bisschen albern war, aber in der Albernheit war natürlich wahnsinnig viel Spaß. Die Spieler:innen hatten unglaublich viel Freude daran, in die unterschiedlichen Rollen zu schlüpfen, und da sind viele komische und schräge Momente entstanden, die dann zum Teil auch gar nicht auf die Bühne gekommen sind. Aber im Probenprozess hatten wir viel Spaß. Gleichzeitig haben wir auch Dokumentationen geguckt über Burn-out in der Landwirtschaft, ich habe sie gezwungen, Videos zu gucken, wie das in der Schweineschlachtung abläuft usw., wir haben uns mit Zoophilie auseinandergesetzt.

 

Friedrich Steinlein, Andreas Torwesten, Else Hennig, Daniel Koch © Helge Gerischer

Seid ihr im Laufe der Proben im Text auf irgendeine Art von französischer Eigenheit gestoßen oder habt ihr mit irgendwas zu kämpfen gehabt?

Garraway: Wir haben an einer Stelle bei der Enthüllung nachgeschaut, weil wir überlegt haben, ob wir das im französischen Original machen, und ich habe reingeschaut, was die Höflichkeitsformen angeht, weil das Französische ja eher höflicher ist, als wir es im Deutschen sind. Aber obwohl es eine französische Autorin ist, gibt es wahnsinnig viele Amerikanismen, allein durch diese Cowboys, und das kam mir als halb US-Amerikanerin sehr entgegen. Ich glaube, deshalb habe ich mich auch von Anfang an sehr zu Hause in diesem Stück gefühlt. Und der zweite Teil ist ja sehr international, wir sind in New York, wir sind in Tokio, Natascha Gourland haben wir nicht als Französin, sondern als Franko-Kanadierin gespielt, also wir sind online ja überall: In Italien, Tao Wang kommt wahrscheinlich aus China, also wir sind munter in der Weltgeschichte unterwegs. Deshalb hatte ich nicht das Gefühl, dass das jetzt sehr französisch ist. Ich fand es einfach ein sehr zeitgenössisches Stück. Gwendoline Soublin ist ein paar Jahre älter als ich, glaube ich, aber ich habe mich da sehr angedockt gefühlt.

Ihr habt eure Inszenierung ab 14 Jahren freigegeben. Inwiefern ist es gerade für Jugendliche ein interessanter Text?

Stahl: Das ist keine Freigabe, wir verstehen das am Theater Plauen-Zwickau eher als Empfehlung. Ich glaube, dass das Thema für Jugendliche sehr interessant ist. Ich habe auch schon gehört, dass Schulklassen unsere Theaterpädagogin Steffi Liedke danach gefragt haben. Natürlich wegen der inhaltlichen Ebene mit dem Schwein-Mensch-Verhältnis, Fleisch essen, nicht Fleisch essen, aber auch diese Science-Fiction-Elemente sind auf jeden Fall spannend. Oder auch die Ebenen der medialen Beeinflussung aus dem zweiten Teil könnten Jugendliche auch sehr ansprechen. Wir hatten jetzt erst Premiere und noch keine Schulklassen drin, aber ich bin gespannt, wenn dann eine Klasse kommt, was da so passiert.

Es gibt eine NDR-Hörspielfassung auf Deutsch. Habt ihr die euch vorher angehört?

Stahl: Ich habe angefangen, aber es dann nicht zu Ende gehört.

Warum nicht? Weil man dann schon so andere Stimmen im Ohr hat?

Stahl: Ja, ich wollte nur mal so reinhören. Das reicht dann, weil man doch unterschwellig ein bisschen beeinflusst wird.

Garraway: Ich habe mir das Hörspiel oft angehört. Mich hat das jedoch nicht so beeinflusst, dass ich etwa Sachen rauskopieren wollte. Ich finde dadurch, dass es sehr klar bzw. 1 zu 1 umgesetzt ist, gibt es den Text ganz gut wieder. Für mich war es mehr ein Hörbuch als ein Hörspiel und das war in der Vorbereitung eine Zeiteffizienz-Geschichte. Ich konnte es noch mal hören, wenn ich mit dem Hund rausgehen wollte und hatte den Text dabei.

Der Stücktitel lautet «Pig Boy 1986-2358. Replay der Menschwerdung». Als «Replay» bezeichnet man in Japan, wo ein Teil der Handlung spielt, ein Genre in der Literatur, das Aufzeichnungen von Rollenspielen als Textgrundlage benutzt. Ich musste auch immer an «Replay» wie auf einem alten Kassettenrekorder denken. Was evoziert für euch dieser Untertitel?

Garraway: Ich habe auch an rückspulen und dann wieder vorspulen gedacht, tatsächlich auch wie bei einer Kassette, einen Kassettenrekorder oder Walkman, weil, wenn man immer wieder rückspult, das Band ausleiert. Ich hatte das Gefühl bei dem Stück, es hakt immer wieder, irgendwas ist in dieser Realität, die da erzählt wird, nicht richtig, irgendwo ist es komisch abgebogen. Und darum habe ich auch immer an so eine mechanische Ebene gedacht, die so einen Fehler im System evozieren kann, noch mehr als ohne dieses alte Technik-Ding. Wir haben es gemerkt bei diesem Interview, dass auch neue Technik fehleranfällig ist.

Vielleicht wegen «1986»?

Garraway:  Vielleicht, ich hatte auch einen Kassettenrekorder als Kind, das waren möglicherweise dann auch meine ersten Regieversuche.

Stahl: Mich hat dieses «Replay» ein bisschen an den Film «Planet der Affen» erinnert. Diese alten Filme, die auch aus den 1980er-Jahren sind und wo es auch um das Verhältnis zwischen Affen und Menschen geht. Die Affen beherrschen dann die Menschen, also es dreht sich. Und das hatte ich auch bei dieser Schweine-Thematik: Das Gefühl, dass es sich irgendwann dreht, weil wir nicht in der Lage sind, diesen Planeten vernünftig zu betreiben, weil wir alles kaputtmachen, dass dann quasi das Tier der bessere Mensch ist – so ein Kreislauf, das habe ich so in meiner Assoziation gedacht.

Garraway: Ich würde mir wünschen, dass die Schweine die Macht übernehmen.

Ja?

Garraway: Im Zusammenhang mit dem Stück schon, weil ich glaube, dass dann vielleicht das, was in diesem Stück passiert, nicht passieren würde. Ich denke, die Schweine wären viel netter zu Theodor als Mathilde, die Schweine würden seinen Hof nicht pfänden, und die Schweine würden ihn Cowboystiefel tragen lassen, und die Schweine würden Pig Boy nicht hängen, und dann würde sich die Rechtsanwältin auch nicht umbringen und ich glaube auch am Ende wären die Menschen auch nicht unbedingt unglücklich, weil ich glaube nicht, dass Schweine uns so unterdrücken würden. Es gibt da auch Entwürfe dazu in der Literatur, irgendwie sind Menschen doch besonders grausam.

Sind alle Beteilgiten der Produktion zu Vegetarier:innen geworden?

Garraway: Ich bin schon seit ich 10 Jahre alt bin Vegetarierin.

Stahl: Nein, nicht alle …

… noch nicht!

 

«Pig Boy 1986-2358 . Replay der Menschwerdung» von Gwendoline Soublin

Regie: Charlotte Sofia Garraway

Dramaturgie: Isabel Stahl

Deutsche Übersetzung:  Lydia Dimitrow, Andreas Jandl und Corinna Popp

Weitere Termine: 20. April 2022 / 23. April 2022 Theater Plauen-Zwickau