Latifa Djerbi im Gespräch mit Ela zum Winkel «Ich finde es wichtig, nicht die Herkunft, sondern die Menschen in den Vordergrund zu stellen»

Ela zum Winkel: Liebe Latifa, wir sprechen heute über dein Stück «La danse des affranchies», dass 2017 im Rahmen des Schweizer Förderprogramms TEXTES-en-SCÈNE entstand und das ich für die nächste Ausgabe der SCÈNE -Reihe ins Deutsche übersetzt habe. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine französisch-tunesische Familie und vor allem Dounia, die mit ihrer Mutter und Schwester zur Beerdigung des Vaters nach Tunesien reist und plötzlich mitten in der Revolution landet. Wie ist dieses Stück entstanden? Woher kam das Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen?

Latifa Djerbi: Es entstand aus dem Bedürfnis heraus, mir mein eigenes Bild von Tunesien zu machen.  Frankreich hat ein recht schwieriges Verhältnis zu den Maghrebinern. Ich bin in Frankreich geboren und dementsprechend Französin, aber in einer armen Familie aufgewachsen. Meine Eltern waren Waisen, die ihre Kindheit sehr früh hinter sich lassen mussten. Sie waren sehr ängstlich und immer besorgt um uns Kinder. Zu unserer Freiheit und Sicherheit glaubten sie, uns vor Tunesien «beschützen» zu müssen. Daher hatte ich Angst, allein nach Tunesien zu reisen, selbst als ich schon über 30 Jahre alt war. Ich war immer in Begleitung meiner Eltern, zu Besuch bei Cousinen und Cousins, jedenfalls immer unter dem Schutz der Familie dort gewesen. Während meiner Zeit am Théâtre Saint Gervais in Genf hatte ich Lust bekommen, mich davon loszumachen, die Freiheiten meines Berufes zu nutzen und Tunesien unter einem Vorwand kennenzulernen, der mir nicht erlauben würde, wegzulaufen. Ich bin also nach Tunis gereist und war in einem Hotel, das die Revolution tatsächlich konkret erlebt hat. Eine Putzfrau erzählte mir dort von den Demonstrationen und Schüssen, wie sich die Demonstranten verhalten und wie sie das Hotel gestürmt hatten.
Hinzu kamen Ereignisse aus meinem eigenen Leben, die emotional sehr aufwühlend waren. Als mein Vater im Koma lag, diskutierten alle möglichen Familienmitglieder darüber, was mit seinen Organen geschehen sollte. Ein Teil meiner Familie zählt sich zu den Sufis, ein anderer ist eher traditioneller. Sie stritten über den Körper meines noch lebenden Vaters, während meine Mutter dazwischen verloren war. Auch den Rassismus gegen Schwarze habe ich schon als kleines Mädchen erlebt, ich und meine Schwestern ärgerten uns über tunesische Freund:innen unserer Eltern, die sich rassistisch über Schwarze äußerten. Das sitzt sehr tief. Ich heiße mit Nachnamen Djerbi, das kommt von Djerba, einer Insel in Tunesien, auf der früher viel Sklavenhandel betrieben wurde. Es war mir wichtig, darüber zu sprechen, denn einerseits werden wir in Frankreich stigmatisiert, andererseits hat man es als Schwarze:r in Tunesien auch schwer. Ich erinnere mich auch an die Schwarzen Nachbarn meiner Großtante, die absolut nicht rassistisch war und sie als ihre eigenen Kinder betrachtete, da sie selbst keine Kinder hatte und man sie mit elf Jahren verheiratet hatte.
Es gibt viele solcher Geschichten und ich fand es wichtig, nicht die Herkunft, sondern die Menschen in den Vordergrund zu stellen. So ist diese Geschichte entstanden. Wenn du selbst nordafrikanischer Herkunft bist, kleben sowieso schon so viele Klischees an dir und ich wollte eine andere Perspektive vermitteln.

 

Du sprichst von Klischees. Als ich anfing, das Stück zu übersetzen, habe ich lange überlegt, wie sich die Sprache der Mutter im Stück übertragen ließe. Sie spricht Französisch mit einem nordafrikanischen Akzent, auf Französisch ist das lebendig und wie ich finde auch amüsant, da man sofort eine bestimmte Sprechweise im Kopf hat. Das Problem ist, dass es im Deutschen nichts Vergleichbares gibt. Den Akzent hätte ich nur künstlich reproduzieren können, indem ich ihn nachahme oder einen neuen Akzent erfinde. Ich wollte die Figur aber nicht ins Lächerliche ziehen und ein Klischee bedienen. Schließlich entschied ich mich für eine einfache Sprechweise und einen Hinweis auf den Akzent in der Regieanweisung. Wie ist die Sprache der Figuren in deinem Schreibprozess entstanden?

Ich bin sehr emotional, also war der Akzent wichtig, einerseits weil meine Schwestern und ich unsere Mutter so nachahmen, andererseits weil ich es charmant finde. Deutschland hat keine vergleichbare Geschichte mit maghrebinischer Einwanderung, die von Frankreich ist komplex – die der Schweiz auch, aber die Schweiz ist immer ein Fall für sich. Ich bin gespannt, ob das Stück auf Deutsch genauso gut wie im Französischen funktioniert. Die Sprache der Figuren war aber auch ein Prozess, in den zunächst der Autor und Regisseur Ahmed Madani als  Mentor involviert war und später mein Verleger Emile Lansman, ohne dessen Einsatz das Stück niemals vom Lektorat akzeptiert worden wäre. Dort fand man das Stück etwas zu vulgär, zu derbe. Man schlug mir vor, manche Passagen abzuschwächen, aber dadurch wäre der Geist des Stücks völlig verloren gegangen.

 

Die etwas vulgäre Sprache kommt vor allem in einer Szene zwischen den beiden Schwestern zum Ausdruck, in der sie sich gegenseitig recht schonungslos beschimpfen. Hast du dich bewusst für diese Sprache entschlossen, eine besondere Absicht damit verfolgt?

Ich war mir der Brutalität der Sprache beim Schreiben nicht ganz bewusst, es ist eine Art zu kommunizieren, wenn man sich in einem emotionalen Schockzustand befindet und außerstande ist, für sich selbst oder für andere zu sorgen. Ich fand es wichtig, es so zu schreiben, wie es in der Realität ist: Wenn wir einen starken Schock erleiden, reden wir so miteinander und wenn wir viel Traurigkeit in uns tragen, ermöglichen uns Wut und Grausamkeit, herauszulassen, was uns innerlich verbrennt. Ich hätte es auch anders schreiben können, aber dann wäre es ein anderes Stück geworden. Und es wäre dem, was man nach so einem Schock verspürt – wenn jemand die ganze Familie zusammengehalten hat und alles plötzlich einstürzt -, nicht gerecht geworden. Ich hoffe aber, dass man trotz der ausgetauschten Vorwürfe und Feindseligkeiten spürt, dass die beiden Schwestern sich lieben. Ihnen fehlen einfach die Worte, die Gesten. Sie tragen viel Liebe in sich, aber man muss auch lernen, zu lieben.
Die Sprache in solchen Streitszenen hat einige schockiert, wobei es glaube ich hauptsächlich Männer waren, die diese Streitszenen als Effekthascherei abgetan haben, dabei geht es um etwas ganz anderes. Ich schreibe ja gerade deshalb, damit diese Stimmen existieren, damit nicht nur solche Leute darüber entscheiden, wer gehört wird und und wer nicht.

 

Anschließend wurde das Stück im Théâtre Saint Gervais in Genf in einer Inszenierung von Julien Mages uraufgeführt.

Die Geburt dieses Stücks war wirklich vergleichbar mit der eines Kindes, ich habe neun Monate gebraucht, um es zu schreiben, bin nach Tunesien gereist, habe mich mit Aktivistinnen der ATFD, der Association Tunisienne des Femmes Démocrates, getroffen, unglaubliche Frauen, die mir ermöglicht haben, Tunesien mit anderen Augen zu sehen. Ich hatte lauter Vorurteile und habe immer noch welche. Manche verschwinden, aber während des Schreibens wurde mir erst richtig bewusst, dass ich schon durch die Tatsache, in Frankreich geboren zu sein, befangen bin, dass ich eine beschränkte Vorstellung von meiner eigenen Herkunft und Kultur habe, sowie von all den Frauen dort, die teilweise freier sind, als ich es bin, die mutig und engagiert sind und wirklich die Welt verändern. Es war auch ein Schock.

 

Und du hast in dieser Inszenierung Dounia, die Hauptrolle, gespielt.

Ja. Deshalb finde ich die Szene zwischen den beiden Schwestern sehr witzig. Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive sie betrachtet wird. Einerseits sind da die Worte, andererseits die Absicht hinter den Worten. Sie lieben sich, bekommen es aber einfach nicht auf die Reihe, sie leben in unterschiedlichen Welten.

 

Wusstest du während des Schreibens schon, dass du Dounia spielen würdest?

Sagen wir, ja. Ich kann nur schreiben, was ich emotional nachvollziehen kann und habe Schwierigkeiten, von etwas anderem auszugehen. Die emotionale Entwicklung von Dounia ist mir am nächsten, also habe ich das Stück um sie herum gebaut. Der Dramatiker Fabrice Melquiot, den ich von seiner Zeit als Leiter des Théâtre Am Stram Gram etwas kenne, hatte das Stück auch gelesen und meinte, man merke, dass ich für eine Figur Partei ergreife, die anderen Figuren müssten aber auch mit einem Unterbewusstsein, Gefühlen usw. ausgestattet sein. Also bin ich in jede Figur noch mal eingetaucht, um ihnen eine Seele, mehr Tiefe, mehr Menschlichkeit, mehr Wahrheit zu geben. Ich habe Dounia gespielt, weil ich wollte, dass ihre Darstellung auf der Bühne der Figur auch gerecht wird. Inzwischen ist mir bewusst, dass sie von vielen anderen Schauspielerinnen verkörpert werden kann, dass der Text auch ohne mich funktioniert und dass es gut so ist. Er hat sein eigenes Leben. Trotzdem war es schön festzustellen, dass ich als Schauspielerin Spaß hatte, dass der Text gutes Spielmaterial ist.

 

Wie ist es für dich, in andere Sprachen übersetzt zu werden?

Ich war froh und überrascht! Ich stelle mir nur die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Deutschen. Ich frage mich, ob man das Stück lesen oder ob es unberührt in einer Bibliothek landen wird, ob es nur Menschen wie uns nutzt, die sich denken, toll, da haben wir etwas für fünf Personen geschrieben und es hat so und so viel gekostet. Als Tochter von Einwanderern finde ich es wichtig, was mit öffentlichen Geldern passiert. Deshalb mache ich auch viel Straßentheater, das eine andere Art zu schreiben erfordert, die nicht weniger anspruchsvoll, aber schwieriger zu übertragen ist. Ich schreibe seit vielen Jahren und es freut mich, dass von diesem Stück, das eine viel klassischere Form als meine üblichen Arbeiten hat, etwas Greifbares bleiben wird. Straßentheater dagegen wird angesehen, es kann sogar Leben verändern, aber es bleibt immer eine Erinnerung, ein ungreifbares Erlebnis, von dem keine sichtbaren Spuren zurückbleiben. Auch deshalb finde ich interessant, dass es übersetzt wird, selbst wenn ich mich frage, was danach kommt. Als ich Emile Lansman den Text schickte, antwortete er mir innerhalb von achtundvierzig Stunden, er wolle ihn veröffentlichen. Es gibt also Menschen, die darauf eingehen. Aber es bringt nichts, Begegnungen zu erzwingen. Wie erreicht man Menschen, für die dieser Text bestimmt ist, in einem deutschsprachigen Kontext? Als Theatermensch sehe ich jedenfalls keinen Sinn darin, den Text bei mir allein zu behalten, irgendwann ist es an der Zeit, ihn weiterzugeben und leben zu lassen.

Die Autorin und Schauspielerin Latifa Djerbi (Foto: Ariane Arlotti)

Latifa Djerbi ist Schauspielerin und Regisseurin. Im Jahr 2000 gründete sie in Genf die Company Les Faiseurs de Rêves, die ihre Arbeiten sowohl in traditionellen Theaterkontexten als auch im öffentlichen Raum zeigt. Seit 2015 arbeitet Latifa Djerbi regelmäßig mit dem Schweizer Straßentheaterpionier Jacques Livchine zusammen. Ihre eigenen Texte sind oft von ihrer Erfahrung als schweizerisch-tunesisch-französische Staatsbürgerin geprägt und beschäftigen sich selbstironisch und autofiktional mit den universellen Fragen von Identität und Freiheit. Als Schauspielerin hat Latifa Djerbi in rund 40 Theaterstücken mitgewirkt. Im Oktober erscheint im Verlag Theater der Zeit der 23. Band der Reihe SCÈNE, für den Ela zum Winkel das Stück «Tanz der Befreiten» übersetzt hat.

Die Schauspielerin, Regisseurin und Übersetzerin Ela zum Winkel (Foto: Julie Reggiani)

Ela zum Winkel ist Theater- und Filmschauspielerin, Regisseurin und Übersetzerin. Sie ist Absolventin der Schauspielschule Cours Florent und studierte Übersetzen und Dolmetschen an der Universität Wien. Aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit ist sie in Frankreich, Deutschland und Österreich tätig. 2019 nahm sie an der deutsch-französischen Übersetzungswerkstatt Theater Transfer / Transfert Théâtral teil, 2021 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt Programms.

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