Personalien

In Personalien beschreibt Gérard Watkins wie ein junges Paar in finanziellen Schwierigkeiten an der krankhaften Beschäftigung mit dem eigenen Stammbaum zerbricht. Das fiktionale Stück ist trotz seiner kafkaesken Absurdität tief in der politischen Realität seiner Entstehungszeit verankert: 2007, kurz nach seiner triumphalen Wahl zum französischen Präsidenten, schickte sich Nicolas Sarkozy an, die Einwanderungsgesetzgebung zu verschärfen. Ein Entwurf, das sogenannte «Amendement Mariani», das später für nicht verfassungsgemäß erklärt wurde, sah neben einer Reihe drakonischer Maßnahmen gegen illegale Einwanderer systematische DNA-Tests bei Visa-Anträgen zum Zwecke der Familienzusammenführung vor. Watkins Protagonisten sind jedoch keine afrikanischen Einwanderer, die ihre Identität vor der französischen Mehrheitsgesellschaft bloßlegen müssen, sondern zwei ganz banale Vertreter ebendieser Gesellschaft: «ein durchschnittliches europäisches Ehepaar, das weder besonders viele Werte besitzt, noch besonders viel Geld» (Watkins). In einer knappen lakonischen Sprache stellt der Autor eine Analogie zwischen dem immer stärker abgeschotteten Schengen-Raum, der «Festung Europa», und dem faschistischen Vichy-Staat her. Auch wenn die beiden Figuren französische Namen tragen und sich auf die französische Vergangenheit beziehen, könnte Personalien im Prinzip überall in einem Europa spielen, das sich zunehmend uniformisiert.

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