Gerda Poschmann-Reichenau über Rébecca Déraspes Theater der Nähe und Distanz Das Herz auf der Zunge

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

In knapp zwei Wochen erscheint der 25. Band der Anthologie SCÈNE, der sich diesmal Erfahrungen von Marginalisierung und Gewalt widmet. Mit in der Auswahl befindet sich das Stück «Treibeis» der mehrfach preisgekrönten Québecer Dramatikerin Rébecca Déraspe. In schonungsloser und gleichzeitig humorvoll-empathischer Weise setzt es sich mit einem Jahrzehnte zurückliegenden Fall sexueller Gewalt auseinander, ohne dabei in die üblichen Schwarz-weiß-Zuschreibungen zu verfallen. Gerda Poschmann-Reichenau, die deutsche Übersetzerin von Rébecca Déraspe, stellt in einem umfangreichen Essay die dezidiert feministische und extrem produktive Autorin vor und geht dabei auch auf übersetzerische Schwierigkeiten ein.

 

(von Gerda Poschmann-Reichenau)

 

Als ich das erste Mal ein Stück von Rébecca Déraspe hörte (nicht sah!), habe ich nicht viel verstanden. Ich war als Gast beim Festival «Dramaturgies en dialogue» in Montréal und erlebte eine Woche lang im Centre du Théâtre d’Aujourd’hui eine szenische Lesung Québecer Gegenwartsdramatik nach der anderen. Zum ersten Mal überhaupt in Québec, verstand ich mit meinem Schul- und Universitätsfranzösisch das gesprochene Québécois nur schwer. Und die Darsteller*innen, die Rébeccas bitterböse Komödie Nino auf der Bühne lasen (wenn ich mich recht entsinne: stehend, in Mikros), hatten ein Tempo drauf …!

Dieses Tempo der offensichtlich hervorragend funktionierenden Dialoge, die «Musik» des Textes und die lebhaften Reaktionen des Publikums überzeugten mich zusammen mit dem, was ich vom Inhalt verstand, davon: Ich muss dieses Stück lesen! Auf dem Rückflug hatte ich es im Gepäck. Daraus wurde die erste meiner bislang acht Déraspe-Übersetzungen.

Rébecca legt bis heute eine beeindruckende Produktivität an den Tag und gehört in ihrer Heimat zu den erfolgreichsten Dramatiker*innen der jüngeren Generation. Nicht selten stehen in Montréal mehrere ihrer Titel gleichzeitig auf den Spielplänen der wichtigen Theater. Seit Abschluss ihres Studiums 2010 hat sie mittlerweile zwanzig eigene Stücke geschrieben und sieben Adaptionen, in denen sie Texte u.a. von Ibsen, Shakespeare und Jane Austen aufregend neu interpretiert.

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

Partituren für eine Sprache extremer Nähe.

Kinder- und Jugendstücke, boulevardeske Komödien und beißende Gesellschaftssatire, ein «chorisches Fresko», Klassikeradaptionen, Familiendramen, Stücke mit Musik … Rébecca zieht die verschiedensten Register für die Bühne und wird nicht müde, Neues auszuprobieren. Sie jongliert leichthändig mit Rückblenden und Kommentarpassagen, verwendet Elemente aus Erzähl- und Dokumentartheater, arbeitet mit episierenden Szenentiteln und immer wieder mit zahlreichen Episodenfiguren bzw. deren Stimmen. Bei ihr kommt die öffentliche Meinung zu Wort als «Chor der Leute mit Überzeugungen», «Geraune», «Die darüber reden» oder «Das Flüstern der anderen». Auch dem «Sozialen Netzwerk», der «Arbeitswelt» und dem Treibeis auf dem Fluss verleiht sie eine Stimme. So gelingt es ihr, in ihren Theatertexten Entsprechungen für die Komplexität unserer Lebenswelt zu finden – auf der Oberfläche ihrer Erscheinungen, aber ebenso in der Tiefe unseres Erlebens  –, der sie in starken poetischen Passagen Ausdruck verleiht.

Die Basis ihrer Stücke sind höchst lebendige, dem Leben abgelauschte und meisterhaft geschriebene Szenen zwischen Menschen, die sie uns ganz nahe bringt. Trotz Formenvielfalt und unterschiedlicher Einflüsse ist Rébeccas Ton von Anfang an unverwechselbar. Ihr Schreiben folgt dem Duktus der gesprochenen Alltagssprache und liefert den Darsteller*innen echte Partituren für Szenen, die sie mehrstimmig denkt. Für den extrem hohen Grad an «Mündlichkeit» ihrer Dialoge gefällt mir der Begriff «Sprache der Nähe» (im Gegensatz zur «Sprache der Distanz»). Man fällt einander ins Wort, wiederholt sich, verschluckt Endungen, bricht Sätze ab, flucht und schimpft, und nicht selten bezeichnen drei Punkte nach dem Rollennamen, dass jemandem die Worte fehlen. Manchmal geht es in einem Dialog auch beiden Seiten so.

Ausschnitt aus Gerda Poschmann-Reichenaus Übersetzung von «Les glaces» (Foto: d.r.)

«Partituren» sind diese Texte, weil sie hoch musikalisch und vor allem rhythmisiert sind. Im Schriftbild sind sie häufig durch Zeilenumbrüche, Leerzeilen und Schrägstriche gegliedert. Das kann beim Übersetzen zur Herausforderung werden, wenn klar voneinander abgesetzte, gleich lange Satzteile im Deutschen etwa deutlich andere bzw. unterschiedliche Länge haben oder einem Begriff des Originals eine mehrteilige Konstruktion im Deutschen entsprechen würde oder umgekehrt. Rébecca setzt nur die Satzzeichen, die man auch hört: Frage- und Ausrufezeichen, obwohl Kommata das Leseverständnis deutlich befördern würden. Das führt beim Übersetzen manchmal dazu, dass ich, um sicher zu sein, den Sinn komplexerer Satzkonstruktionen auch richtig zu erfassen, gelegentlich bei ihr nachfrage, wo das Komma stehen würde, wenn es eines gäbe.

 

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «In Luft aufgelöst», inszeniert von Sylvain Bélanger (Foto: Valérie Remise)

Das Québecois, das die meisten von Rébeccas Figuren so wie die meisten Bewohner der französischsprachigen Provinz Kanadas sprechen, ist ein Regiolekt, vergleichbar etwa dem Ruhrdeutschen oder dem Berlinerischen. Kein Dialekt, wie es im Deutschen das Plattdeutsche oder das Bairische wäre. Der Regiolekt als dialektal geprägte, regional verbreitete Umgangssprache ist eine Art Zwischenstufe zwischen der Hochsprache einerseits und dem Dialekt andererseits, der sich als echte Sprachvariante in Grammatik, Aussprache und Wortschatz weiter von der Hochsprache entfernt. Wichtiger als dialektale Färbung und regionale Situierbarkeit erscheint es mir, beim Übersetzen des Québécois Entsprechungen für diese Umgangssprache als eine «Sprache der Nähe» zu finden. Der deutsche Text kann und darf in konkreten Inszenierungen gerne regional eingefärbt werden; notwendig ist das nicht. Aber er muss mit Leben erfüllt sein, bei manchen Figuren schnoddrig und nachlässig, bei anderen um Korrektheit bemüht und trotzdem ein Fingerbreit daneben. Je nach Gesprächspartner*in und Situation näher an der Hochsprache oder sich entspannter von ihr befreiend, mal maulfaul, mal weit ausholend.

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

Distanz durch Humor

Durch die sprachliche Gestaltung ihrer Figuren, die «ihr Herz auf der Zunge tragen» lässt Rébecca Déraspe uns ganz nah an diese herankommen. Bei den belastenden und belasteten Themen, über die sie schreibt – u.a. Diskriminierung, sexuelle Gewalt, Abtreibung, Selbstmord und transgenerationale Traumata – könnte diese Nähe leicht zu viel werden. Ein Gegengewicht schafft sie durch Verwendung der oben bereits erwähnten episierenden Mittel und durch den Einsatz von (nicht selten schwarzem) Humor. Er schafft emotionale und mentale Distanz und ermöglicht so neue Perspektiven auf die verhandelten Probleme, vor allem aber ein kurzes Heraustreten (der Figuren ebenso wie der Zusehenden) aus der belastenden Situation. Die Autorin lässt ihre Figuren auch noch in der ernstesten, verzweifeltsten Lage Pointen setzen, die durchaus bitter sein können, aber bei denen man trotz allem unvermittelt zumindest kurz grinst, wenn man sie hört oder liest.

Ausschnitt aus Gerda Poschmann-Reichenaus Übersetzung von «Les glaces» (Foto: d.r.)

Die zutiefst menschliche Empathie, die Rébecca Déraspe ihren Figuren entgegenbringt, die Sensibilität, mit der sie ihre Ängste und Verletzungen erforscht, hindert sie nicht an freundlichem Spott, wie in einem Beitrag auf der Website des Theaters EspaceGo[1] über sie festgestellt wird. Mit ihrem einzigartigen Humor macht sie auch Stücke über schwere Themen verdaulich und – ja: unterhaltsam.: «Elle aime danser sur cette ligne entre l’émotion et la comédie, un équilibre qui, avec le rythme de ses dialogues, rend son théâtre si engageant.» «Sie tanzt gerne auf diesem schmalen Grat zwischen Gefühl und Komödie, und dieses Gleichgewicht macht, zusammen mit dem Rhythmus ihrer Dialoge, ihr Theater so fesselnd.»

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

Kompromisslos in der Sache

Was nicht bedeutet, dass sie inhaltliche Kompromisse eingehen würde: Die entschiedene Feministin hat ganz klare gesellschaftspolitische Standpunkte, die wohl auch ihre Antriebsfedern sind. Sie bezieht deutlich Stellung in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit: durch ihr Schreiben für die Bühne, durch oft ausführliche und sehr persönliche Beiträge in verschiedenen (auch: den «Sozialen») Medien zu grundsätzlichen Fragen des menschlichen Zusammenlebens und zu aktuellen Debatten, durch Interviews und nicht zuletzt lange Jahre als Autorin und Moderatorin ihrer eigenen Sendung Le lexique de la polémique, in der sie sich der Aufgabe widmete, die Bedeutung und Verwendung gesellschaftlich umstrittener Begriffe zu sezieren und damit zu demystifizieren.

Sie kämpft gegen vorgefasste Meinungen und den Rückzug in Echokammern, die unser Leben heute so stark bestimmen und echte Gespräche selten machen. In ihren Stücken ist spürbar, wie sehr persönliche Probleme und individuelle Herausforderungen, aber auch Standpunkte und Meinungen der Figuren oft bedingt sind durch ein dichtes Geflecht aus familiärer und gesellschaftlicher Prägung und Erwartung, aus Rollenbildern und –mustern, Verurteilungen und die Ausübung von sanftem Druck bis hin zu gewaltsamem Zwang. Dies alles führt dazu, dass Rébecca Déraspe auf der Bühne berührende Einzelschicksale erzählt, die unter die Haut gehen, dabei aber immer auch über den Einzelfall hinausweisen, ohne belehrend zu wirken.

Cover der Graphic-Novel-Version von «Treibeis», mit Bildern von Yoakim Bélanger (Foto: d.r.)

Treibeis

Ihr Stück Les glaces (Treibeis), das sie dank des Jean-Denis-Leduc-Stipendiums für Dramatikerinnen in der Spielzeit 2020–2021 für das Théâtre de la Manufacture entwickeln konnte, behandelt die Themen sexuelle Gewalt und Consent in einer Art dramatischem Spiegelkabinett über drei Generationen: Im Mittelpunkt steht eine Vergewaltigung unter Jugendlichen, die bereits Jahrzehnte zurückliegt. Noémie, damals Opfer eines sexuellen Übergriffs durch zwei gleichaltrige Freunde, hat nie Anzeige erstattet. Erst, als ihr eigener halbwüchsiger Sohn einer jungen Frau sexuelle Gewalt antut, öffnet Noémie sich der Schwester eines der damals Beteiligten. Dessen Eltern, vor allem die Frage der väterlichen Erziehung, kommen ebenso ins Spiel wie die Partnerin und die kleine Tochter des Täters. So fatal all diese Verstrickungen sein mögen, werden sie dabei auch als Chancen erkennbar: An jedem einzelnen Punkt dieses Netzes kann, ja muss man ansetzen, um den Kreislauf aus Gewalt und Schweigen zu durchbrechen.

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

Fragt man sich, wer eigentlich Protagonist*in ist in diesem Stück, fällt die Antwort schwer. Jede der Figuren hat ihr Schicksal, ihre Geschichte. Eigentlich steht Noémie im Zentrum und ihre späte Auseinandersetzung mit dem, was ihr damals angetan wurde. Noémie gehört die zweite Szene, in der die Polizei vor ihrer Haustür steht und sie zunächst beschwörend immer nur den einen Satz wiederholt: «Nicht mein Sohn.» Danach verschwindet sie jedoch von der Bildfläche und kommt erst achtzig Seiten später zu Beginn des letzten Stückdrittels wieder auf die Bühne. Bis dahin sprechen andere über sie. Und Jeanne, die von Noémies Sohn vergewaltigt wurde? Ihr Name fällt in der ersten Szene nicht, aber man versteht, dass der Gerichtsmediziner, der sachlich den Befund seiner Untersuchung beschreibt, von ihr spricht. In der Szene bei der Ermittlerin muss Jeanne etwas später ihre Aussage machen. Die Fragen geben vor, was sie zu sagen, worüber sie zu sprechen hat. Wie lang war der Rock, den sie trug? Wie viel Bier hatte sie getrunken? Die Ermittlerin spricht sie mit dem falschen Namen an, Jeanne bricht das Gespräch ab. In der letzten Szene stehen die beiden Frauen sich gegenüber: Noémie, die Mutter des Vergewaltigers, und Jeanne, sein Opfer. Auch dieses Gespräch läuft anders ab, als man es erwarten würde …

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

Komplex und unvorhersehbar

Rébecca Déraspe ist eine Autorin, die ihre Figuren herausholt aus der selbst- oder fremdverschuldeten Unmündigkeit, aus Sprach- und Machtlosigkeit, aus lähmender Angst und fatalistischer Untätigkeit. Eine Autorin, die sie ermächtigt und ihnen das Heft des Handelns wieder in die Hand gibt. Sie, die eigentlich gerne Psychiaterin werden wollte, kennt die Abgründe der Seele und die Widersprüchlichkeiten der Psyche und scheut einfache Antworten. Ein eindeutiges moralisches Urteil über einzelne Menschen, gar ihre Verurteilung, ist nicht ihre Sache. Dazu ist das menschliche Wesen zu komplex, zu facettenreich. Das machen ihre Stücke in unvorhersehbaren Volten spür- und erfahrbar.

Keimzellen etwa lebt von den immer wieder überraschenden Wendungen in der Argumentation zweier bester Freundinnen. Aude, eine Ingenieurin, erwartet ein Kind mit Trisomie 21. Lou arbeitet als feministische Bloggerin und erwartet von der schwangeren Freundin selbstverständlich, dass sie das Kind abtreibt, um nicht ihre hart erkämpfte Karriere in einem typischen Männerberuf zu opfern. Oder, wie Lou es formuliert, um sich nicht ihre «Zukunft zu versauen für ein Kind, das selbst keine hat». Die schonungslose, teils ausgesprochen schmerzhafte Auseinandersetzung der beiden Frauen verläuft jedoch anders als erwartet.

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «In Luft aufgelöst», inszeniert von Sylvain Bélanger (Foto: Valérie Remise)

In Luft aufgelöst

Und wenn die Autorin in In Luft aufgelöst über lange Strecken Verständnis für die Mutter weckt, die aus einer für sie erdrückenden familiären und beruflichen Situation flieht, ihre kleine Tochter im Stich lässt und einfach verschwindet, gibt sie zuletzt der erwachsen gewordenen Tochter das letzte Wort in einem tief berührenden Dialog mit der wiedergefundenen Mutter. Dieses Stück ist eines ihrer am stärksten poetischen. Schon der keiner Figur zugeordnete prologartige Text vom «Kreislauf des Lebens» zu Beginn macht klar, dass in diesem Stück Grundprinzipien des menschlichen (Zusammen-)Lebens verhandelt werden, auch wenn das Schicksal einer einzelnen Frau und ihrer Familie geschildert wird. Der Kreislauf lässt sich nicht anhalten. Alles, was man tun kann, ist ausbrechen.

Ausschnitt aus Gerda Poschmann-Reichenaus Übersetzung von «Ceux qui se sont évaporés» (Foto: d.r.)

Emma, die Protagonistin, Tochter aus einer Mittelschichts-Familie, ist Krankenschwester, eine durchschnittliche Ehefrau und Mutter, vielleicht etwas empfindlicher und zurückhaltender als andere: Sie «flüstert ihr Leben», wie es an einer Stelle heißt – bis sie ausbricht. Zunächst eines nachts für ein paar Stunden, dann aber verschwindet sie definitiv, lässt ihren Mann und ihre kleine Tochter allein und im Ungewissen. Spurlos verschwinden, wie in Luft aufgelöst: Das tun zahllose Menschen alljährlich. Im Stück verweisen etliche Textpassagen auf diese Vielzahl anderer Fälle, die ganz unterschiedlich gelagert sein können. Emmas Weg, aus freien Stücken zu verschwinden, ist einer von vielen, die das Stück aufzählt. So schafft die Autorin es, uns quasi zweigleisig mitdenken und –fühlen zu lassen: ganz nah an dem auf der Bühne verhandelten individuellen Schicksal und distanziert mit dem Blick auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen.

Szene aus Rébecca Déraspes Stück «Treibeis», inszeniert von Maryse Lapierre (Foto: Suzane O’Neill)

Nähe und Distanz: Rébecca Déraspe liefert mit ihren Stücken das sprachliche und dramaturgische Material, um auf der Bühne und im Saal beides mit- und gegeneinander ins Spiel zu bringen. Zahlreiche namhafte Regisseur*innen und Ensembles in Québec und anderswo haben daraus bereits beeindruckende Inszenierungen geschaffen, die intellektuell fordern und tief berühren. Im deutschsprachigen Raum wurden bislang neben Keimzellen mit Nino und Bärenfalle nur zwei ihrer früheren Komödien aufgeführt.

Ich bin glücklich, dass ich im November endlich auch zwei ihrer neueren Stücke in szenischer Lesung erleben darf: Treibeis in Auszügen am 19. November bei der Vorstellung des 25. Bandes der Scène-Reihe in Mainz und In Luft aufgelöst am 27. November beim Primeurs-Festival in Saarbrücken. Das Festivalteam dort hat beschlossen, diese Lesung in Zusammenarbeit mit dem Puppen- und Figurentheaterensemble flucks des Saarländischen Staatstheaters zu erarbeiten. Das scheint mir schlüssig: Auch das Puppentheater arbeitet stark mit beidem: Nähe und Distanz. Ich freue mich drauf.

 

[1] https://espacego.com/prix-jovette-marchessault/rebecca-deraspe/


Am 19. November um 20 Uhr wird am Staatstheater Mainz der 25. Band der Theateranthologie «SCÈNE – neue französischsprachige Theaterstücke» vorgestellt. In diesem Rahmen werden auch Auszüge aus «Treibeis» gelesen.

Infos und Reservierungen hier.

Zur Buchbestellung hier.

Eine Woche später, am 27. November ist im Rahmen des Festivals Primeurs am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken  Gerda Poschmann-Reichenaus Übersetzung von Rébecca Déraspes «Ceux qui se sont évaporés» als szenische Lesung zu erleben. Infos hier.


 

 

 

 

Die Dramatikerin Rébecca Déraspe (Foto: Julie Artacho)

Rébecca Déraspe ist Dramatikerin und Film- und Fernsehautorin. Sie studierte Szenisches Schreiben an der École Nationale de Théâtre in Montréal, war 2020 Hausautorin am Théâtre la Licorne in Montréal sowie bis vor Kurzem Autorin und Moderatorin der von Savoir Média produzierten und vertriebenen Webserie Le lexique de la polémique. Ihre Theaterstücke werden weltweit produziert und veröffentlicht.

Schon ihr allererster Bühnentext für Erwachsene, Deux ans de votre vie, wurde 2010 mit einem Autorenpreis (Prix BMO auteur dramatique) ausgezeichnet. Für Gamètes (Keimzellen) und Je suis William (Ich bin William) erhielt sie 2017 und 2018 den Québecer Kritikerpreis, für Letzteres außerdem den Prix Louise LaHaye als bestes Jugendstück. Ceux qui se sont évaporés (In Luft aufgelöst) und Les glaces (Treibeis) wurden 2020 und 2023 jeweils mit dem Michel-Tremblay-Preis für den besten zur Aufführung gebrachten Text ausgezeichnet, Ersteres erhielt außerdem den Montréaler Kritikerpreis (AQCT) als bester Theatertext. Les glaces ist in Québec soeben als Graphic Novel erschienen, aktuell arbeitet die Autorin am Drehbuch für eine Verfilmung dieses Stücks.

Im deutschsprachigen Raum wurde Keimzellen (veröffentlicht in Scène 21) vom Deutschlandfunk Kultur 2020 als Hörspiel produziert, 2022 am Theater Bielefeld erstaufgeführt sowie in München und Duisburg nachgespielt. Das österreichische Theater Oberzeiring spielte 2022 ihre Komödie Bärenfalle, und 2026 erlebte Nino seine deutschsprachige Erstaufführung am Theater Phönix in Linz.

 

Die Übersetzerin, Dramaturgin und Lektorin Gerda Poschmann-Reichenau (Foto: privat)

Gerda Poschmann-Reichenau promovierte 1996 an der LMU München in Theaterwissenschaft mit einer Arbeit über zeitgenössische deutschsprachige Dramatik und kam über die Schauspiel- und Verlagsdramaturgie zum literarischen Übersetzen. Seit über zwanzig Jahren überträgt sie Theatertexte ins Deutsche, vor allem aus dem Französischen mit Schwerpunkt Québec.

Mit der Komödie Nino übersetzte sie 2015 das erste Stück von Rébecca Déraspe. Seither begleitet sie das Schaffen dieser Autorin kontinuierlich als Übersetzerin und hat mittlerweile sieben Stücke von ihr ins Deutsche übertragen. Darüber hinaus ist sie auch als Dramaturgin für Theater und zeitgenössischen Tanz in München und Salzburg, als Lektorin für Theaterverlage, in der Pressearbeit sowie an der LMU München als Lehrbeauftragte tätig.

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