Fanny Bouquet über die Rencontres Internationales des Festival TransAmériques in Montreal Ein Labor zur Gruppenbildung

Podiumsdiskussion im Festivalzentrum des FTA mit der bolivianischen Aktivistin Maria Galindo vom Kollektiv Mujeres Creando über ihren Film „Revolución Puta“ (Foto: Fanny Bouquet)

Festivals können weit mehr sein als lediglich Orte der Kunstpräsentation. Im besten Fall schaffen sie Räume für Begegnung, Austausch und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen. Das Festival TransAmériques in Montreal verbindet zeitgenössisches Theater, Tanz und Performance mit einem dezidiert internationalen und dekolonialen Anspruch. Ende Mai war die Übersetzerin und Kulturmanagerin Fanny Bouquet im Rahmen der Rencontres Internationales 2026 zu Gast beim FTA und hatte Gelegenheit, aus unterschiedlichsten Perspektiven in das Festivalgeschehen einzutauchen. Ein persönlicher Bericht über Begegnungen, Extraktivismus und kollektive Sinnsuche.

 

(von Fanny Bouquet)

 

 

«In welchen Stock wollen Sie denn?»
«In den zweiten. Aber ich weiß nicht, welchen Knopf ich drücken soll, da ist keiner.»
«Es gibt hier keinen zweiten Stock. Es gibt ein Zwischengeschoss, und dann geht es direkt hoch in den vierten.»
Mit meinem von den langen Flugstunden benebelten Kopf sehe ich vermutlich etwas panischer aus, als es der Situation anmessen wäre.
«Zeigen Sie mal her … Ach nein, Sie müssen in den zwölften Stock!
Sie haben Zimmer 1203, nicht 203. Das ist eine 1, kein Schrägstrich.
Sie sind bestimmt neu hier. Willkommen in Montreal.»

«Es gibt hier keinen zweiten Stock.» – Fahrstuhl in Montreal (Foto: Fanny Bouquet)

Anfang Juni habe ich diese Stadt zum ersten Mal betreten, worauf ich so lange und so sehnsüchtig gewartet hatte. Ich war schon seit einiger Zeit neugierig auf die quebecer Kunstszene, obwohl ich wusste, dass ich nicht alle Zusammenhänge verstehen würde. Um aus meinem Besuch in Montreal eine richtige Reise zu machen und nicht bloß eine Bewegung von A nach B, galt es jedoch, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Als ich durch frühere Teilnehmerinnen von der Existenz der Rencontres Internationales des Festivals TransAmériques erfuhr, schien mir die bestmögliche Gelegenheit gekommen. Alljährlich bringt dieses Seminar für junge Kunstschaffende von 25 bis 35 Jahren Bühnenkünstler*innen und Kritiker*innen zusammen. Acht Tage lang bietet es die Möglichkeit, durch den Besuch von Aufführungen und ein Programm voller Begegnungen und Aktivitäten am Festival teilzunehmen.

2026 hatte ich das Glück, zu den Teilnehmer*innen der 20. Festivalausgabe zu gehören. Dank der finanziellen Unterstützung durch das Office franco-québécois pour la jeunesse konnte ich diese Erfahrung unter optimalen Bedingungen genießen. Seit ein paar Tagen bin ich wieder zu Hause und lasse ich die Eindrücke auf mich wirken. Bereits jetzt kann ich einige Erkenntnisse aus diesem Aufenthalt ziehen, der in Bezug auf Entdeckungen, Freundschaften und Fragestellungen gehalten hat, was er versprochen hatte.

Martine Dennewald und Jessie Mill, die künstlerischen Leiterinnen des Festival TransAmériques (Foto: Maryse Boyce)

Seit seinen Anfängen hat sich das 1985 unter dem Namen Festival de Théâtre des Amériques in Montreal gegründete Festival zum Ziel gesetzt, den internationalen Austausch zu fördern. So versteht es sich einerseits als Sprungbrett für das zeitgenössische Kunstschaffen aus Quebec, schenkt andererseits aber auch anderen künstlerischen Räumen im Norden und im Süden des Kontinents Aufmerksamkeit. Im Jahr 2007 wurde es zum Festival TransAmériques und zeigt seitdem Theater, Tanz und Performance. Seit 2021 stellen sich die künstlerischen Leiterinnen Jessie Mill und Martine Dennewald (die auch als Ko-Geschäftsführerin fungiert) gemeinsam mit der Ko-Geschäftsführerin Sandra O’Connor den zahlreichen Fragen, die der Name des Festivals heute aufwirft. Neben der ererbten kontinentalen Bezeichnung «TransAmériques» verwenden sie bewusst auch andere, weniger koloniale wie «L’île de la tortue» oder «Abya Yala».

Die Ausgabe 2026 präsentierte 25 Produktionen aus den unterschiedlichsten Regionen, darunter Quebec, Kanada, Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, die USA, Guadeloupe, Haiti und Mexiko. Die Ko-Direktorinnen geben sich jedoch nicht mit Begriffen wie Land und Nationalstaat zufrieden, da diese Künstler*innen nicht gerecht werden, die versuchen, Grenzen zu überwinden. Ihr Programm widmet sich daher besonders Synkretismen und der Konvergenz gesellschaftlicher Kämpfe. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das FTA auf indigenem, widerrechtlich enteigneten Gebiet stattfindet.

Die Cathédrale Marie-Reine-du-Monde zwischen den Wolkenkratzern der Montrealer Innenstadt (Foto: Fanny Bouquet)

Dieser Aufenthalt hat mir meine Unwissenheit in Bezug auf die Geschichte der First Nations und die mit den indigenen Gebieten verbundenen Problematiken eindrücklich vor Augen geführt. Er hat mich angeregt, mich eingehender mit diesen Themen zu beschäftigen, die in der kanadischen Gesellschaft nach wie vor virulent sind. Wenige Stunden nach meiner Landung begab ich mich zum Festivalzentrum in den Räumlichkeiten der Université du Québec à Montréal (UQAM). Dieser gesellige Ort ist das Herzstück des FTA. Auf dem Weg dorthin sah ich zwischen Wolkenkratzern eingezwängte Kirchen, einen Jugendstil-U-Bahn-Eingang und riesige Gebäudekomplexe, die mich an die Cité Universitaire in Paris erinnerten. Ich war etwas desorientiert und hatte das intensive Gefühl, die Stadt nicht wirklich begreifen zu können. Ich fragte mich, ob ich in diesem Zustand der Verwirrung überhaupt in der Lage wäre, irgendjemandem zu begegnen.

Vor meinem inneren Auge ließ ich das Jahr 2026 Revue passieren, das von so vielen Kriegen, Völkermorden, Umweltzerstörungen und räuberischen Technologien geprägt gewesen war.  Ich erinnerte mich an die ersten Januarwochen, als Videos von der Entführung des venezolanischen Präsidenten und von der Ermordung Unschuldiger durch die Mitglieder der Anti-Immigrationbehörde ICE kursierten, während sich die USA gleichzeitig anschickten, den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung zu begehen. Unter diesem Eindruck betrat ich das Festivalgelände und fragte mich, was es im Jahr 2026 für das FTA bedeutete, ein Festival zu veranstalten, und was der genaue Grund für die Existenz der Rencontres Internationales war.

„Récoltes critiques: comment recevoir “ Erste von drei Diskussionen der Reihe, moderiert von den Kritikern Jeannot Clair und amilton de azevedo (Foto: Fanny Bouquet)

Nachdem ich die 23 Teilnehmer*innen aus 12 Ländern – Senegal, Mali, Iran, Haiti, Spanien, Libanon, USA, Japan, Chile, Frankreich, Belgien und Kanada – kennengelernt hatte, ging es mit dem ersten Teil der Reihe «Récoltes critiques» («Kritische Ernten») gleich zur Sache. Die gemeinsam von dem quebecer Übersetzer und Kritiker Jeannot Clair und dem brasilianischen Kritiker amilton de azevedo moderierte Diskussion «Comment recevoir ?» bot mehreren Sprachen ein Podium und hinterfragte die Tätigkeit der kritischen Betrachtung. Bevor sie das Publikum zu einer Übung in Kleingruppen aufforderten, berichteten die beiden Moderatoren von ihren Erfahrungen mit drei Aufführungen zu Beginn des Festivals. Jeannot Clair gab an, dass er sich weniger umfassend vorbereitet habe, als ihm lieb gewesen sei. Dadurch habe ihn seine Interpretation des Werkes zunächst in eine vollkommen andere Richtung geführt.

Seine Aussage sprach mir aus dem Herzen, denn auch ich fühlte mich unzureichend auf das FTA vorbereitet. Vor meiner Abreise hatte ich keine Zeit gefunden, mich über die Geschichte des Festivals, seinen kulturellen Kontext, das Programm und alles, was uns erwarten würde, zu informieren.  Als ich in unserem Programm die Frage «Wie empfangen?» las, dachte ich, ich würde an einem Panel zum Thema Gastfreundschaft aus institutioneller Perspektive teilnehmen. Wie empfängt man künstlerische Teams adäquat? Ich stellte mir vor, es würde um ganz konkrete Fragen gehen. Schließlich ist eine der Voraussetzungen für das Zirkulieren von Kunstwerken, dass ihre Schöpfer*innen die nötigen Visa erhalten. Gleichzeitig würden bestimmt auch ästhetische Fragen eine Rolle spielen, da die Präsentation von Arbeiten aus unterschiedlichen Kontexten eine Fülle an Problematiken berührt: die der Übersetzung, des kulturellen, sozialen und politischen Gepäcks, das die Werke mitbringen, sowie der Traditionen, in die sie sich einschreiben. Wie kann also sichergestellt werden, dass zwischen dem Werk und dem Publikum eine Begegnung stattfindet? Muss dies wirklich sichergestellt werden und ist es überhaupt möglich? Schnell erkannte ich meinen Irrtum und stellte erfreut fest, dass es sich in Wahrheit um eine Einladung handelte, uns als Zuschauer*innen zu positionieren, die auch Raum für die Vielfalt unserer Erfahrungen ließ.

Bewegungsworkshop mit der Choreografin Alexandra «Spicey» Landé für die Teilnehmer*innen der Rencontres Internationales (Foto: Adil Boukind)

Als FTA-Novizin fühlte ich mich tatsächlich gut empfangen – in meinem ganz persönlichen Zustand mit allem, was uns manchmal durch den Kopf geht, was wir nicht immer auf der Türschwelle zurücklassen können und was zwangsläufig unser Zuhören und unseren Blick beeinflusst. Besonders interessant fand ich die gleichzeitig individuelle und kollektive Denkbewegung, zu der das FTA mittels der von Florence Bisson koordinierten «Terrains de Jeux» («Spielplätze») einlud. Diese kostenlosen und frei zugänglichen Veranstaltungen im Festivalzentrum erlaubten einen Blick hinter die Kulissen, indem sie sich beispielsweise mit Bühnentechnik oder Übertitelung beschäftigten. Sie ermöglichten eine Nachbereitung der Aufführungen und verschafften uns durch ein «éveil du corps» («Erwecken des Körpers») Einblicke in die Praxis einiger Künstler*innen.

Gemeinsame Lesung von Olivier Marbœufs Text «La nuit juste avant le feu», auf Französisch und Kreol im Festivalzentrum (Foto: Fanny Bouquet)

Obwohl ein Festival von den Ausmaßen des FTA, bei dem sich Künstler*innen, Tourneeorganisator*innen und Programmgestalter*innen aus der ganzen Welt begegnen, zwangläufig eine gewisse Richtung vorgibt, war ich beeindruckt, wie sehr sich die Teams bemühten, uns keine Interpretationskriterien aufzudrängen, sondern uns vielmehr das Rüstzeug für die Aufführungen und die damit verbundenen Herausforderungen an die Hand gaben. Das FTA hatte sogar ein Kartenspiel mit dem Namen «Charlablabla» entwickelt, ein wertvolles Vermittlungsinstrument, um anders über das Gesehene nachzudenken. Man findet darin zum Beispiel die folgenden Anweisungen: «Suche und finde: die Machtverhältnisse», «Hinter den Kulissen: Stellt euch vor, was sich dort befindet, was dort vor sich geht» oder auch «Widmet diesem Stück ein Lied». Die Vermittlungsteams wie z.B. Laeticia Philanthrope und Laura Hajjali sind bestrebt, jede Zuschauerin und jeden Zuschauer dabei zu unterstützen, sich individuell durch das Programm zu bewegen. Das FTA empfängt auch zahlreiche Gruppen aus Schulen und Universitätten sowie eine Gruppe junger indigener Talente.

Die Rencontres internationales sind ein fester Bestandteil des Festivals und ermöglichen es den Teilnehmenden, die Funktionsweise der jährlich stattfindenden Veranstaltung besser zu begreifen. Wir bekamen Gelegenheit, die Künstler*innen und die Teams des Festivals kennenzulernen. Durch die Aufhebung institutioneller Trennungen wurden wir zum Nachdenken über die Nachhaltigkeit der Veranstaltung und die Festivalgemeinschaft angeregt. Angesichts des ökologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Kontextes ist es keine einfache Angelegenheit, ein Festival dieser Größenordnung am Leben zu erhalten und zugänglich zu machen.

Diskussion der Teilnehmer*innen der Rencontres Internationales am Goethe Institut Montréal (Foto: Fanny Bouquet)

Trotz finanzieller Unsicherheiten und Diskrepanzen in Bezug auf internationale Mobilität und den Zugang zu Visa, welche die Beteiligung einiger Künstler*innen erschwerten, arbeitet das FTA mit Überzeugung daran, seine internationalen Begegnungen zu ermöglichen. Diese realen Schwierigkeiten und das schwerpunktmäßig dekoloniale Programm hatten die franko-quebecer Künstlerin Morena Prats, die das Seminar seit acht Jahren betreut, dazu veranlasst, die Organisation eines dekolonialen Workshops anzuregen. In diesem Jahr wurde dieser von der feministischen und antirassistischen Aktivistin Alexandra Pierre geleitet. Morena Prats künstlerische Perspektive und ihre Unterstützung trugen wesentlich zur Qualität unserer Diskussionen bei. Sie half uns, eine gemeinsame Grundlage für unseren Austausch zu entwickeln und dabei als Gruppe den Rahmen selbst zu gestalten.

Der Erfolg dieser kollektiven Erfahrung war auch der Sorgfalt zu verdanken, mit der unser Jahrgang zusammengestellt worden war. Hinzu kommt, dass das Seminar keine Plattform zur Präsentation aktueller künstlerischer Arbeiten war. Diese Rahmung trug entscheidend zu unserer Bereitschaft bei, uns erstaunen zu lassen und erzeugte eine kollektive Dynamik. Besonders hervorheben möchte ich den Einfallsreichtum von Tristan Merlet-Caron, der während des Seminars als Praktikant tätig war. Er schlug uns nützliche spielerische Archivierungswerkzeuge vor. Mittels Aktionskarten hinterließen wir eine kollektive Spur dieser Festivalausgabe. Meine Lieblingsanweisung? Nutzlose Details zu archivieren, ohne jeden Zweifel.

Diskussion unter den Teilnehmer*innen der Rencontres Internationales im Festivalzentrum (Foto: Adil Boukind)

Meine nun folgenden Überlegungen zu den gemeinsam besuchten und anschließend diskutierten Aufführungen sind vom Abschlusspanel des FTA inspiriert. Bei diesem suchten Jeannot Clair und amilton de azevedo gemeinsam mit den Künstler*innen Maral und Katya Montaignac nach einem subjektiven, persönlichen Titel für diese 20. Festivalausgabe. Ich persönlich würde mich für «Extraktivismen und Widerstände» entscheiden. Die Frage des Extraktivismus, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und des Raubbaus an Böden zog sich durch mehrere Arbeiten.

«Querelle de Roberval» von Kev Lambert, inszeniert von Olivier Arteau (Foto: Stéphane Bourgeois)

Mystic Metallic von N. Zoey Gauld, Audrée Juteau und Catherine Lavoie-Marcus prangerte beispielsweise die Bergbauindustrie in Rouyn-Noranda an – und zwar mittels einer Choreografie über Vibrationen, die Versehrungen der Körper evozierte und von Ausschnitten aus dem Song Glencorruption der Metal-Band Guhn Twei untermalt wurde. Eines der «Terrains de Jeux» bot den Aktivist*innen Rodrigue Turgeon, Simon Turcotte, Jennifer Ricard Turcotte und Marie-Hélène Massy Edmond, die sich in der Region Rouyn gegen die Bergbauindustrie einsetzen, eine Plattform. Soziale Konflikte standen auch im Mittelpunkt der Theaterfassung von Kev Lamberts Roman Querelle de Roberval über einen Streik in einem Sägewerk. In seiner Inszenierung räumte Olivier Arteau der Frage der indigenen Sprachen einen bedeutenden Platz ein. In Mi Madre Y El Dinero spielte der mexikanische Regisseur Anacarsis Ramos mit den Codes von Dokumentartheater und Parodie sowie mit den Affekten des Publikums. Er lud seine Mutter Josefina auf die Bühne ein, um systemische Logiken von Unterdrückung und Unterwerfung aufzudecken.

 

«Mystic Metallic» von N. Zoey Gauld, Audrée Juteau und Catherine Lavoie-Marcus (Foto: Guillaume Vallée)

Der Begriff «Extraktivismus» scheint mir außerdem geeignet, um die Frage zu stellen, wie Künstler*innen mit ihnen anvertrauten Erzählungen umgehen, und um über die Herausforderungen im Umgang mit der Wirklichkeit nachzudenken. Die bolivianische Aktivistin María Galindo, die das Festivalzentrum durch ihre kämpferische Präsenz zu Begeisterungsstürmen hinriss, betonte, dass ihr zuvor präsentierter Film Revolución Puta über Sexarbeiterinnen nicht das Ergebnis einer lediglich punktuellen Arbeit mit dem Ziel «ein gutes Gewissen zu haben» sei, sondern das Resultat eines längeren, kontinuierlichen Engagements in den Communities von La Paz.

«Bolt» von Jeannette Kotowitch (Foto: Luciana Freire D’Anunciação)

Dies verbindet sie mit den im Rahmen des Festivals präsentierten Formen des Widerstands. In Bolt vermischte Jeannette Kotowitch choreografische Forschung, indigene Methodologie und Improvisationen. Eine ähnliche Geste der Selbstaffirmation findet sich auch bei Dana Michel, die mit ihrer Performance You Cannot Can das Schwimmbad der UQAM besetzte. Eine Stunde lang sah das Publikum, das um das Becken herumsaß, der Künstlerin dabei zu, wie sie sich darauf vorbereitete, ins Wasser zu steigen. Die Performerin, die sich im Meer nicht wohlfühlt, obwohl sie ursprünglich aus der Karibik stammt, weist hier auf die sozialen Realitäten des Zugangs zum Wasser hin. Obwohl es bei der Performance einiges zu sehen gab – vor allem die Subtilität, mit der die Quasi-Unmöglichkeit, ins Wasser zu springen, in Bewegung übersetzt wurde -, ließ sie auch Raum für mich als Zuschauerin, um mir meine eigene Bedeutung zu erarbeiten. Sie erinnerte mich an das Buch Non-noyées. Leçons féministes Noires apprises auprès des mammifères marines (zu Deutsch: «Nicht-Ertrunkene. Schwarze feministische Lektionen, gelernt von Meeressäugetieren») von Alexis Pauline Gumbs (aus dem Englischen von Mabeuko Oberty, Myriam Rabah-Konaté und Rose B.). Ich glaubte, in diesem Schwimmbecken ein Symbol des transatlantischen Sklavenhandels zu sehen, dessen Auswirkungen noch immer andauern.

 

«You Cannot Can» von Dana Michel (Foto: bozzo_courtesy of Kinosaki International Arts Center _ Toyooka City)

In einer kostenlos auf einem Basketballfeld aufgeführten Produktion unterzog Jeremy Nedd zu Hits der 70er und 80er Jahre den Line Dance einer Neubetrachtung und forderte das Publikum mit Humor und ohne falsche Nostalgie zum Mitmachen auf. Ansteckende Freude an der Bewegung charakterisierte auch das Stück 2par2 der Choreografin Alexandra «Spicey» Landé, das jedoch ebenfalls konflikgeladene Beziehungsdynamiken untersuchte. Zehn Interpret*innen tanzen paarweise, wodurch sich Begegnungen und Überraschungen ergeben. Wenige Minuten nach Beginn der Aufführung schlüpfen alle in umgenähte weite Second-Hand-Kleidungsstücke, die durch einen goldenen Rahmen von der Decke auf die Bühne gefallen sind. Anschließend posieren sie lange Zeit regungslos frontal zum Publikum, während mitreißende Musik die Erwartung von Bewegung weckt. Die Choreografin bekennt sich zur Hip-Hop-Kultur und präsentiert eine stimmungsvolle Form, die gleichzeitig Fragen zur Institutionalisierung urbaner Tanzstile aufwirft.

Publikumsgespräch mit der Choreografin Alexandra „Spicey” Landé nach der Aufführung von «2par2» (Foto: Fanny Bouquet)

All diese Produktionen schienen der Versuchung zu widerstehen, alles erklären und den Sinn nach Art eines Fertigbaukastens – mit einer Gebrauchsanweisung in allen Sprachen – liefern zu wollen. Vielmehr ermutigte mich das Programm zu einem geduldigen und aktiven Zuhören, ohne mich jemals außen vor zu lassen.

Ich kehre aus Montreal mit der festen Überzeugung zurück, dass ich bei weitem nicht alles verstanden und den Sinn noch lange nicht ausgeschöpft habe. Doch kann ich sagen, dass es in der Tat zu Internationalen Begegnungen gekommen ist, und dass ich diese Festivalausgabe umgeben von freundlichen und erfinderischen Menschen erlebt habe. Rückblickend erscheint es mir durchaus wünschenswert, dass der Sinn eines Werks manchmal Widerstand leistet. Vermutlich muss man akzeptieren, dass unsere Erfahrung als Zuschauer*in zuweilen frustrierend, unvollständig oder ungenügend sein kann.

Die Teilnehmer*innen der „Rencontres internationales du FTA“ vor dem Festivalzentrum (Aufnahme mit einer analogen Kamera zur kollektiven Archivierung auf Vorschlag von Praktikant Tristan Merlet-Caron) (Foto: Rencontres internationales 2026)

Zum Abschluss fragte Morena Prats, was wir von der Erfahrung mit nach Hause nehmen würden und was wir der Gruppe gerne schenken wollten. Auf die zweite Frage gab eine*r von uns die hübsche Antwort: «Meine Augen und meine Ohren.»  Was mich angeht, so reise ich mit Schlüsseln im Gepäck ab, die mir neue Horizonte eröffnen. Es sind nicht die Schlüssel zu meiner Wohnung, sondern Zweitschlüssel, die man Gästen überlässt, damit sie sich freier bewegen können, und die von Hand zu Hand weitergegeben werden. Ich hätte im wahrsten Sinne des Wortes das Gefühl, eingeladen zu sein: in eine Sprache, die meiner ein bisschen ähnelt, zu Fragestellungen, die meinen nah sind, und zu anderen Möglichkeiten, sie zu begreifen. Und nicht zuletzt auch zu künstlerischen Affinitäten, die für schöpferische Arbeit so wichtig sind.

Ich kann dem FTA also nur von Herzen für diese Ausgabe der Rencontres Internationales danken. Dem Jahrgang 2026 würde ich gerne Folgendes sagen (man möge mir die Imitation eines quebecer Ausdrucks verzeihen): «J’aurai vraiment le goût de vous revoir et de découvrir vos créations.» («Ich hätte wirklich Lust, euch wiederzusehen und eure künstlerischen Arbeiten kennenzulernen.»)

 


 

Die Übersetzerin und Kulturmanagerin Fanny Bouquet (Foto: Pauline Le Goff)

Nach einer literarischen Vorbereitungsklasse (Khâgne B/L) am Lycée Henri IV in Paris studierte Fanny Bouquet Geschichte und Sozialwissenschaften an der Ecole Normale Supérieure de Cachan, der Sorbonne und der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Kulturmanagement an der ESCP. Seit 2017 ist sie als Übersetzerin, Rechercheurin und Kulturmanagerin, für audiovisuelle Medien, darstellende Kunst und Museen tätig. 2024 begann sie ein Studium an der Ecole de Traduction Littéraire (CNL / Asfored) und erhielt ein Archipelagos-Stipendium für literarische Recherchen. 2025 nahm sie am Georges-Arthur-Goldschmidt-Programm teil und übersetzt seitdem für unterschiedliche Verlage

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