Ein Gespräch zwischen Flora Egbonu, Mira Fungisayi und Thao Nguyen «Ich selber bin auch nicht frei von Vorurteilen.»
Flora Udochi Egbonu arbeitet als Schauspielerin und Übersetzerin in unterschiedlichen Kontexten im internationalen Theaterbetrieb. Bei der Vorstellung der Anthologie «Spuren» im vergangenen Jahr beim africologneFESTIVAL in Köln performte sie selbst Auszüge aus ihrer Übersetzung des Textes «Vermächtnis» von der burkinischen Schauspielerin und Autorin Lionelle Edoxi Gnoula. In diesem Herbst erscheint ihre Übersetzung des Stücks «Die Schweiz sucht den Super-Armen» von dem Schweizer Dramatiker Jérôme Richer in der Anthologie SCÈNE. Über ihre Erfahrungen als Schwarze Performerin auf deutschsprachigen Bühnen, ihre ersten Schritte hin zum Übersetzen und den Umgang mit Sexismus und kolonial geprägter Sprache in Texten sprach Flora Egbonu mit ihren Freundinnen und Kolleginnen Mira Fungisayi und Thao Nguyen.
Wie bist du zum Schauspiel gekommen?
Eigentlich eher zufällig. Anton, ein Freund aus meiner Schulzeit, hat damals am Akademietheater in Wien als Billeteur gearbeitet. Ich war sechzehn, hatte nicht viel Geld und weil wir Anton kannten, durften wir immer gratis rein.
Und dann hast du Schauspiel studiert?
Ja. Das war eine sehr neue Welt. Nach der Schule habe ich erstmal Geodäsie und Geoinformationen an der Technischen Universität in Wien studiert und plötzlich musste ich lernen, wie ich in meine Zehen atme. Während alle anderen nach zwei Wochen schon erfolgreich waren, gelang es mir selbst erst nach einem Jahr. Und als ich in einer Unterrichtsstunde lautstark aufjubelte, erklärte mir meine Sprechdozentin, dass es physikalisch gar nicht möglich sei – viel Arbeit für nichts.
Wie war das Studium für dich?
Es gab Höhen und Tiefen. Anfangs war ich sehr neugierig. Gleichzeitig war es auch überfordernd, weil man sich viel mit sich selber auseinandersetzt, für mich hieß das, viel mit meinem Schwarz-Sein. Im Theaterunterricht haben wir uns die meiste Zeit mit älteren, klassischen Texten von ausschließlich weißen Autoren gearbeitet. Ja, ich gender an dieser Stelle gerade bewusst nicht. Lach.
Du hast danach auch an verschiedenen Häusern gearbeitet. Was hast du dort für Erfahrungen gemacht?
Ich bin leider nicht so das Stadt- und Staatstheater-Girl, deswegen war ich von Anfang an nur als Gästin an verschiedenen Produktionen beteiligt. Ich hatte eine sehr schöne Produktion und der Rest … na ja. Was ich am Theater grundsätzlich schwierig finde, ist, dass 95 Prozent der Inszenierungen für ein akademisches, bürgerliches, weißes Publikum gemacht werden und manche dieser Thematiken interessieren mich einfach nicht.
Und wie bist du zum Übersetzen gekommen?
2022 war ich für einen Erasmus-Aufenthalt am CNSAD in Paris. In diesem Jahr bekam ich eigentlich durch Zufall mein erstes Übersetzungsprojekt angeboten. Ursprünglich wurde ich als Schauspielerin für ein Theaterstück eines westafrikanischen Autors angefragt. Als sich im Gespräch herausstellte, dass ich Französisch spreche, fragte mich die Regisseurin, ob ich die Übersetzung gemeinsam mit ihr übernehmen wollte. Und aus irgendeinem Grund sagte ich ja.
Und wie war das für dich?
Ich war aufgeregt und gleichzeitig ziemlich überfordert. Nach meinen Proben verbrachte ich den Rest meiner Zeit in der Bibliothek und stürmte immer wieder zu meinen französischen Kolleg*innen, um sie zu fragen, was ein Wort bedeutete, wie sie diesen einen Satz interpretierten oder welche Formulierung sie besser fanden.
Ich habe mich drei Monate lang damit abgemüht, aber eigentlich stimmt das so nicht: Wir haben uns damit abgemüht. Ich habe meine Kolleg*innen regelrecht belagert. Mal lud ich sie zum Pizzaessen ein, um an einer Szene zu arbeiten, mal gab es Thai-Curry, während wir die Rückfragen an den Autor besprachen.
Mein gesamtes Gehalt ging für Restaurantrechnungen drauf. Und obwohl am Ende mein Name unter der Übersetzung stand, war es ein kollektiver Prozess, an dem ungefähr zehn Menschen beteiligt waren.
Nach Monaten des Schreibens, Umschreibens, Wegwerfens und Neuanfangens war sie endlich fertig: meine erste Übersetzung. Ich war stolz und müde.
Wie war es für dich, deinen eigenen übersetzten Text auf der Bühne zu verkörpern?
Die Arbeit hat mich etwas sehr Wichtiges gelehrt. Aus feministischer Perspektive war der Monolog an vielen Stellen problematisch. Als Übersetzerin dachte ich zunächst: Mein Job ist getan. Ich habe diesen Text übersetzt. Es sind nicht meine Worte. Auch wenn darin Dinge stehen, die ich nicht vertrete. Auf der Bühne hat mich das plötzlich eingeholt. Das ist mein Körper, mein Gesicht, meine Stimme. Das Publikum sieht mich und hört mich. Ich hatte so grausame Dinge übersetzt und war dabei immer nur darauf konzentriert gewesen, es richtig und gut zu machen. Aber als ich diese Wörter selbst aussprechen sollte, wollten sie einfach nicht aus meinem Mund rauskommen.
Wie habt ihr dieses Problem gelöst?
Wir haben nach künstlerischen Lösungen gesucht. In einer Szene habe ich den Text gesprochen und die Musikerin hat absichtlich so laut darüber gespielt, dass mich kein Mensch hören konnte. An einer anderen Stelle habe ich absichtlich so gesprochen, dass man kein Wort verstand. Das sind Möglichkeiten, die ich im Theater habe. Als Übersetzerin auf dem Papier muss ich nach anderen Lösungen suchen.
Hat diese Haltung auch verändert, welche Projekte du annimmst?
Auf jeden Fall. Früher habe ich von Theaterseite fast alle Projekte angenommen. Heute bin ich vorsichtiger.
Gilt diese Haltung auch für deine Übersetzungsarbeit?
Da ist es etwas komplizierter. Ich übersetze vor allem Theatertexte aus dem afrikanischen und afrodiasporischen Raum. Deshalb freue ich mich immer erstmal sehr, Anfragen zu bekommen, die marginalisierte Stimmen sichtbar machen. Gleichzeitig habe ich gelernt und lerne es immer noch, diese Texte kritisch zu betrachten. Dass ein Text aus einem marginalisierten Kontext kommt, bedeutet nicht automatisch, dass er frei von problematischen Vorstellungen ist. Gerade weil patriarchale Strukturen dazu führen, dass viele männliche, Schwarze Stimmen auf meinem Schreibtisch landen, steht in manchen Texten genauso sexistischer Quatsch drinnen.
Wie gehst du damit um, wenn du beim Übersetzen auf Vorstellungen stößt, die dir fremd oder sogar problematisch erscheinen? Wie vermeidest du es dabei, sie vorschnell als «kulturell» abzutun, aber gleichzeitig deine eigenen europäischen Maßstäbe nicht einfach auf den Text zu übertragen?
Ich selber bin auch nicht frei von Vorurteilen. Auch wenn ich ein schwarzes Elternteil habe, bin ich noch immer in Europa aufgewachsen und bringe meine eigenen Vorstellungen und Prägungen mit. Ich reagiere sehr allergisch auf Aussagen wie»So ist halt die Kultur» oder «So ist das in Afrika». Im Übersetzungsbereich habe ich bisher immer mit Menschen zusammengearbeitet, die sehr sensibel sind und sich ihrer Position im Weltsystem bewusst waren. Im Theater habe ich solche pauschalen Aussagen viel öfter erlebt und oft im Zusammenhang mit Menschen, die ihre Einschätzung mit der Freundschaft zu einer Schwarzen Person oder mit einem kurzen Aufenthalt in einem afrikanischen Land begründen.Mein Partner ist aus Nigeria und arbeitet in Europa als Tänzer, die meiste Zeit mit weißen Menschen. Ihn treffen solche Worte natürlich noch viel mehr, weil letzten Endes über seine Heimat gesprochen wird. Neulich hat er mich ganz ernst gefragt, ob weiße Leute eigentlich nachdenken, bevor sie solche Aussagen von sich geben. Und ich glaube nicht.
Wer sollte eigentlich übersetzen? Was könnte aus deiner Sicht eine Lösung sein, wenn Übersetzer*innen nicht alle sprachlichen und kulturellen Kontexte eines Textes kennen?
Ich habe leider noch keine Erfahrungen damit gemacht, deswegen könnte es auch Schwachsinn sein, aber was für mich sehr logisch klingt, sind kollektive Übersetzungen. Eine Person aus dem Land, in das übersetzt wird, und eine Person aus dem Land, aus dem übersetzt wird.
Oftmals wird ja schon aus einer kolonialisierten Sprache übersetzt: sprich, wenn ein Text bei dir ankommt, wurde er eigentlich schon einmal übersetzt. Wie wirkt sich das auf deine Arbeit aus?
Ja, die meisten Leute schreiben in der jeweiligen Kolonialsprache. Also deren Muttersprache und Erstsprache ist ja meistens dann nicht Französisch oder Englisch, sondern eine indigene Sprache. Und eigentlich ist es schon eine Übersetzung aus einer Übersetzung, die man macht. Und es gibt dann im Grunde eine dreifache Übersetzung und dann nochmal die vierfache Übersetzung von der Person auf der Bühne.
Warum werden dann viele Texte auf der Kolonialsprache und nicht auf einer indigenen Sprache verfasst?
Ich kann jetzt nur von Nigeria sprechen, aber ich denke mal, das lässt sich auf ganz viele andere Länder übertragen. In Nigeria allein gibt es über 500 verschiedene Sprachen. So wie die Ländergrenzen heute bestehen, ist das eine Auswirkung der Kolonialzeit. Innerhalb des Landes führt das ziemlich zu Konflikten, weil ganze Bevölkerungen zusammengetan wurden, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und untereinander auch andere Sprachen sprechen. Um sich aber zu verstehen, sind sie gezwungen, die Kolonialsprache zu sprechen. Und deshalb werden auch die meisten Texte in der Kolonialsprache verfasst.
Kannst du ein Beispiel für ein Projekt nennen, bei dem du heute sagen würdest: Das hätte ich nicht machen sollen?
In einer Produktion wurde ich eine Stunde lang von meinen weißen Schauspielkolleg*innen als «es» bezeichnet und mit einer Peitsche geprügelt. In meinem ganzen Leben habe ich mich meinen Vorfahren noch nie so nahe gefühlt. Als ich der regieführenden Person sagte, dass wir gerade Rassismus reproduzierten und es mir dabei überhaupt nicht gut ginge, mein ganzer Körper vor Schock dabei bibberte, meinte sie nur, dass ihr Schwarzer Freund Jason die Reproduktion von Gewalt an Schwarzen Körpern total wichtig fände. LOL.
Wie bist du damit umgegangen?
Schlecht. Geweint. Mama angerufen. Und im Grunde das Theater pausiert.
Das Problem ist: Wenn du als Schwarze Schauspielerin auf der Bühne stehst, musst du immer das Gesamtbild betrachten. Ich kann selten einfach nur Schauspielerin sein. Ich muss häufig gleichzeitig darüber nachdenken, wie mein Körper gelesen wird und welche Bedeutung mein Schwarzsein für das weiße Publikum bekommt. Das ist zusätzliche Arbeit. Und diese zusätzliche Verantwortung wird weder extra bezahlt, noch begrüßt man sie. Für das restliche Team ist es meistens eine Last und ein nerviges Problem.
Was hätte dir in dieser Situation geholfen?
Eine Schwarze Person, die von außen auf die Produktion schaut und Stopp schreit. Und nicht nur, dass sie Stopp schreit, sondern dass sie so respektiert wird, dass ihr Stopp ernst genommen wird.
Viele afrikanische oder afro-diasporische Texte, die übersetzt werden, werden anschließend gar nicht inszeniert. Warum machst du diese Arbeit trotzdem?
Das ist eine gute Frage. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Europa für bestimmte Texte einfach noch nicht bereit ist.Natürlich gibt es Theater, Gruppen und Menschen, die sich genau darauf konzentrieren und sehr viel Arbeit darin investieren, afrikanische oder afro-diasporische Perspektiven sichtbar zu machen. Aber die hierarchischen Strukturen an vielen Institutionen machen das unglaublich schwierig.
Woran liegt es deiner Meinung nach, dass diese Texte so selten auf deutschen Bühnen landen?
Es fängt schon damit an: Wer inszeniert an deutschen Theatern? Und wie sieht das Ensemble aus?
Was wäre für dich ein erster Schritt in die richtige Richtung?
Puhhh. Irgendwann habe ich mal was gehört: «Never without us, about us» – oder so ähnlich. Und man sollte sich diesen Satz merken und sich umschauen: Wenn die Gruppe, über die gesprochen wird, sich entweder nicht im Raum befindet oder nicht in der Überzahl ist, dann sollte man lieber was anderes machen.
Am 19. November um 20 Uhr wird am Staatstheater Mainz der 25. Band der Theateranthologie «SCÈNE – neue französische Theaterstücke» vorgestellt, für den Flora Egbonu den Text «Si les pauvres n’existaient pas, faudrait les inventer» des Schweizer Dramatikers Jérôme Richer übersetzt hat.
Infos und Reservierungen hier.
Eine Woche später, am 27. November ist am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken im Rahmen des Festivals Primeurs Flora Egbonus Übersetzung von «L’ombre des choses à venir», einem Monolog des togolesischen Romanciers und Dramatikers Kossi Efoui als szenische Lesung zu erleben. Infos hier.
Mira Fungisayi steht kurz vor dem Abschluss ihres Psychologiestudiums mit Schwerpunkt kritische Psychologie und Kulturpsychologie. Sie arbeitet im psychosozialen Bereich, engagiert sich ehrenamtlich in der rassismuskritischen Arbeit und ist als DJ aktiv.
Thao Nguyen ist eine deutsch-vietnamesische Kulturschaffende in Wien. Sie war als Expertin des Alltags an der Entwicklung eines Sprechtheaterstücks im Vestibül des Burgtheaters Wien beteiligt.
Flora Udochi Egbonu ist Performerin und Übersetzerin und arbeitet zu kolonialen Systemen, postkolonialen Gesellschaften und feministischen Perspektiven. Sie studierte Darstellende Kunst in Graz, Paris und Belgien und arbeitet am liebsten in interkulturellen Kontexten.
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