Julia Braun und Sandra Lattke über «CHLRDCN – trop beau pour y voir» von Béatrice Bienville Übersetzungskomplizinnen, Kréyòl und der CHLRDCN-Skandal

Szene aus der Inszenierung von «CHLRDCN – trop beau pour y voir» durch Béatrice Bienville und Yassim Aït Abdel-Malek (Foto: Blokhaus808)

Für Julia Braun und Sandra Lattke bedeutet der Übersetzungsauftrag «CHRLDCN – trop beau pour y voir» endlich im Team zu übersetzen, so wie sie es sich schon seit langem vorgestellt haben. Und nicht nur das! Auch ihr Interesse an kreolischen Literaturen ist gefragt. Genau das brachte sie vor ein paar Jahren im Studium auf La Réunion zusammen. Damit stand der erste Auftrag für eine Teamübersetzung fest: Ein Theatertext der aus Guadeloupe stammenden Dramatikerin Béatrice Bienville – für die 25. Ausgabe der Anthologie SCÈNE.

 

(von Julia Braun und Sandra Lattke)

 

 

BÉATRICE BIENVILLE

Die Theaterautorin, Dramaturgin und Regisseurin Bienville absolvierte 2018 ihr Diplom am Département Ecrivain.e Dramaturge der ENSATT in Lyon, woraufhin sie an der Académie de la Comédie Française Regie und Dramaturgie studierte. «CHRLDCN – Trop beau pour y voir» ist ihr drittes Werk, das 2025 bei Éditions Théatrales erschien. Zuvor veröffentlichte sie «La Véritable histoire de la Gorgone Méduse» bei Éditions du Quai und «C’est là que mon nombril est enterré», erschienen bei Éditions Passages.

WORUM ES BEI CHLRDCN GEHT

CHLRDCN – Trop beau pour y voir (2024) ist ein zeitgenössischer Theatertext. Mit dem Untertitel «Zu schön, um wahr zu sehen» verhandelt Béatrice Bienville in ihrem Stück die fortbestehenden kolonialen Machtverhältnisse in der Welt am Beispiel ihrer Heimat Guadeloupe und deren neokolonialer Ausbeutung durch Frankreichs Politik mit lebensbedrohlichen Folgen für die Bevölkerung.

CHRLDCN ist die Geschichte eines immensen Verseuchungsskandals durch die illegale Verwendung des Pestizids Chlordecon auf den Bananenplantagen der Antillen. Die verheerenden Folgen: eine der weltweit höchsten Prostatakrebsraten, Schwangerschaftsrisiken sowie bis zu 700 Jahre anhaltende Verseuchung der Böden, des Grundwassers etc. Bienvilles Theaterstück bringt diese komplexe Thematik einem Publikum in Frankreich nahe, das den Skandal teils nur als Schlagzeile oder juristische Affäre aus den Nachrichten kennt.

Durch die literarisch aufgearbeiteten Auswirkungen dieser Katastrophe bis in intime familiäre Beziehungen hinein werden dem Skandal Stimmen von drei Generationen an Frauen verliehen, mit all den Ängsten, Verlusten, der Trauer, der Wut, der Verseuchung, der Erkrankung, der Enteignung, die das Chlordecon ihnen beschert hat. Dazu kommen historische Exkurse, Szenen, die aufzeigen, wie auch andere Staaten in diese Skandale verwickelt sind, wie unehrlich die heutige französische Politik damit umgeht und welche allumfassende Rolle immer schon der Paternalismus und vor allem der Anti-Schwarze Rassismus gespielt hat und weiterhin spielt.

Mit Humor, Detailreichtum und starker Bildsprache verknüpft Bienville das Transgenerationelle und Private sowie das Transatlantische und Politische miteinander. Sie schöpft aus einer Vielzahl von Textarten (Lieder, Märchen, Bibelverse, historische Szenen, Film- und Werbesequenzen) und Sprachen (Songs und ganze Szenen auf Englisch, für die wir dt. Untertitel erstellen mussten, sowie kürzere Stellen und Liedtexte auf Kréyòl, für die wir eine Übersetzungsstrategie finden mussten, die die Realia, insbesondere die Diglossie Guadeloupes, berücksichtigt).

Blick aus dem Fenster der Universitätsbibliothek des Campus Moufia auf La Réunion (Foto: privat)

WIE WIR ZUEINANDER FANDEN

Wir begegneten uns in der Universitätsbibliothek des Campus Moufia auf La Réunion. Ein magischer Ort, vor dessen Fensterfront der Indische Ozean in der Südwintersonne glitzert und Buckelwale ihren Jungen monatelang Manöver beibringen, bevor sie in andere Weltmeere weiterziehen.

Sandra ist hier, weil La Réunion die Schwesterinsel ihrer Mutterinsel ist. Mauritius. Für Sandra ist Créole lange nur die gute Küche ihrer Mutter – Gato Patate, Vindai Poisson, Mine Frite, und und und, und eine Sprache, die sie nicht versteht, die aber die anderen Mutter-Sprachen zu rhythmisieren scheint. «Bei meiner Mutter heißt es eben Tempo Schnecke und nicht Schneckentempo.» Erst im Grundstudium entdeckt sie, dass Mauritius eine große Literaturnation ist und verschlingt sämtliche Romane, besonders die von Ananda Devi, über die sie auch ihre Abschlussarbeit für den B.A. Translation in Leipzig zum Thema Selbstübersetzung – Untersuchung zur Verwendung und Übertragung des Kreol Morisien in Ananda Devis Roman Pagli im französischen Originalwerk und der englischen Selbstübersetzung schreibt.

Julia ist hier, weil sie im Bachelor ein Semester auf Martinique Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und seitdem nur noch karibische Literatur gelesen hat. Sie schrieb ihre Abschlussarbeit über Édouard Glissants Essays und wollte in ihrem Literaturübersetzen-Master dann gerne wieder auf einer frankokreolsprachigen Insel studieren. Die Wahl fiel schnell auf La Réunion mit ihren phänomenalen Literaturseminaren, Literaturübersetzungskursen (FR>DE!) und Lyrikübersetzungskolloquien.

So sitzen wir also in der Bibliothek und blättern nichts ahnend von unseren gemeinsamen Interessen in ein paar tollen Büchern.
Bis Sandra spät dran ist zu ihrem Literaturseminar:
«Wir lesen Maryse Condés Traversée de la Mangrove.»
Julia strahlt:
«Oh, toll, ich hatte auf Martinique auch Seminare zu Literatur aus Gwada!»
«Die Dozentin ist super, Valérie Magdelaine-Andrianjafitrimo und der Kurs geht vier Stunden.»
«Tant mieux, an nou ay!»

Julia und Sandra auf La Réunion (Foto: privat)

DER CHLORDECON-SKANDAL

ist ein in Deutschland nahezu unbekannter kolonial-rassistisch motivierter politischer, ökologischer, medizinischer Skandal, bei der die Verwendung eines gesundheitsschädigenden Pestizids die Bevölkerung Guadeloupes und Martiniques seit den 1970er-Jahren plagt, da seine Rückstände sich noch für Jahrhunderte (bis zu sieben!) in den Inselböden festkrallen werden. Die schwerwiegenden Folgen: Viele Menschen erkranken an Krebs (eine der höchsten Prostatakrebsraten der Welt), verlieren ihre ungeborenen Kinder oder müssen um sie bangen, sterben viel zu früh, arbeiten ein Leben lang in verseuchter Umgebung und enden in Altersarmut.

Grundwasser und Böden bleiben stark verseucht und verstärken die Abhängigkeit von Lebensmittelprodukten aus Hexagonalfrankreich, was die Hoffnung auf mehr Autonomie oder Selbstversorgung aussichtsloser macht. Die Lebensmittelpreise sind skandalös teuer – Produkte kosten auf den Antillen im Vergleich zu Paris mehr als das Doppelte (!). Dazu zählen sogar Lebensmittel von den Antillen selbst, die erst nach Hexagonalfrankreich verschifft werden, um dann wieder nach Guadeloupe/ Martinique «importiert» zu werden. Logistik, Transport, Steuern etc. werden dann als Gründe für die extremen Preise vorgeschoben.

Neben Frankreich profitieren von diesem System vor allem die Békés (z.B. die Familie Hayot, die im Stück erwähnt wird). Békés sind direkte Nachfahren der weißen Familien, die ehemals Menschen auf Guadeloupe oder Martinique unter anderem in Monoplantagen von Bananen- und Zuckerrohrpflanzen versklavten, auf denen sie dann nach Abschaffung der Sklaverei weiterhin dieselben Menschen, ihre Nachfahren oder Kontraktarbeitende (Coolies) ausbeuteten und noch Ende des 20. Jahrhunderts dann deren Nachfahren (im Stück verkörpert durch die Figur Lyne) dort arbeiten ließen und sie solchen giftigen Stoffen aussetzten– mitunter ohne Schutzkleidung, Absicherung, korrekte Bezahlung und Rente. Das System spielt ihnen durch den mit Versklavung erbeuteten Reichtum und ihre Macht dank der Abhängigkeit der Bevölkerung von Béké-Infrastruktur (Supermärkten, Immobilien, Grundstücken, Agrarflächen, uvw.) direkt in die Hände.

Das französische Rechtssystem gab vor, in Bezug auf eine Verurteilung der Beteiligten im Chlordecon-Skandal handlungsunfähig zu sein, insbesondere was die eigene Verantwortung und etwaige Reparationszahlungen anbelangt. Erst im Frühjahr 2026 wurde wieder ein Non-lieu festgestellt (Verfahrenseinstellung) – ein erneuter Rückschlag für alle Überlebenden und Nachfahren der Opfer dieses Gifts.

Szene aus der Inszenierung von «CHLRDCN – trop beau pour y voir» durch Béatrice Bienville und Yassim Aït Abdel-Malek (Foto: Blokhaus808)

WIE WIR BEI DER GEMEINSAMEN ARBEIT VORGINGEN

Bei ersten allgemeinen Recherchen, die wir parallel durchführten, entdeckten wir die auf Soundclound hochgeladene Aufnahme der szenischen Lesung des Theatertexts, die im Rahmen des Festivals Regards Croisés 2025 vorgetragen wurde. Diese hörten wir uns einmal komplett an, bevor wir tiefer in die Arbeit einstiegen. Auch später haben wir an kniffligen Stellen immer wieder reingehört. Insbesondere bei der Macron-Szene und den dialogreichen Teilen wie bspw. die Paradiesszene, war die Lesung sehr hilfreich, um auszuloten, an welchen Stellen ein ironischer «second degré» auf ein Publikum wirkt (also bspw. bei lautem Lachen). Dementsprechend konnten wir nochmal nachbessern, kürzen, die von den Schauspieler*innen betonten Wörter und Sätze rhythmisch gut einbauen oder pointierter ans Ende stellen usw.

Die Aufteilung der Stimmen bzw. Szenen beim Übersetzen ergab sich schnell und natürlich. Jede machte ein Häkchen an den Text, der ihr auf Anhieb zusagte. Sandra krallte sich als ehemalige Lufthanseatin direkt die Flughafenszene mit der Protagonistin Zoé, Julia den Bananenrüsselkäfer und die Bibelszene. Wir entschieden dann, die restlichen Szenen, in denen Zoé spricht, bei Sandra zu belassen, außer den Epilog, der landete aus Zeitgründen wieder bei Julia. Ansam pli bon travay (mauritisches Kreol für «Teamwork is the best work».)

So konnten wir beide unsere Szenen autonom rohübersetzen und uns gegenseitig im Online-Dokument lektorierten. Für den Feinschliff telefonierten wir ständig und sezierten alles Mögliche ausführlich und im Detail. Klar drifteten wir als Freundinnen wischendurch auch immer mal ins Private ab und so wurden aus den ohnehin schon ellenlangen Telefonaten oft extended editions. Aus gemeinsamen Recherchen wurden ausführliche politische Diskussionen und so kam es, dass wir bei den Übersetzungsüberlegungen zu Hexagonalfrankreichs rassistischen Bananenwerbungen, die im Stück vorkommen (wie z.B. La Banane «Ho, Yo!»), einen längeren Exkurs in die rassistische deutsche Werbelandschaft machten (z.B. der VW-Werbespot aus 2020!!!).

Szene aus der Inszenierung von «CHLRDCN – trop beau pour y voir» durch Béatrice Bienville und Yassim Aït Abdel-Malek (Foto: Blokhaus808)

Eine Szene sparten wir uns aber für ein gemeinsames Arbeitswochenende in Julias Heimat Dortmund auf: Die fünfseitige Macron-Szene im Elyseepalast. Wir hatten großen Respekt davor, den paternalistischen und verwirrenden Politsprech zu übersetzen und hielten es für das Beste, uns der Herausforderung gemeinsam zu stellen. Besonders das Übertragen von Interjektionen und die Dosierung von Modalpartikeln stellten sich als knifflig heraus. Umso besser, dass wir gemeinsam immer wieder an den Nuancen feilen konnten, indem wir uns die Stellen laut vorlasen, die szenische Lesung auf Soundcloud hörten und den Originalmitschnitt auf YouTube ansahen.

EMMANUEL MACRON: Merci beaucoup ouais.
Des questions ?
Les enfants on se calme
Non attendez c’est moi qui fais passer le micro
EH OH
C’est pas une commune autogérée ici.
HAHA.
Hum.

EMMANUEL MACRON: Ja vielen Dank.
Irgendwelche Fragen?
Hey Ruhe
Bin ich hier im Kindergarten wouh
Hey so nicht ich gebe hier das Mikro weiter
Hey HEY
Das ist hier keine Selbstverwaltung.
HAHA.
Hm.

Alleine so ein kleines «Ouais» (ugs. für «Oui») kann bei der Übersetzungsüberlegung viel Zeit beanspruchen. Welche Haltung steckt in diesem «Ouais»? Ein «Ouais» mit einem langsamen Sprechtempo wäre vielleicht schon ein «äh», weil es für ein Zögern stehen könnte … Daher hörten wir abwechselnd die szenische Lesung auf Soundcloud und den Originalmitschnitt auf YouTube, um alle vorgegebenen Nuancen zu berücksichtigen. So verhielt es sich bei etlichen Interjektionen, die wir in alle Richtungen prüften. Dabei mussten wir aufpassen in unserer Interpretation nicht zu viel vorzugeben, damit den Schauspieler*innen genügend Spielraum bleibt.

Universität La Réunion, Fac de lettres, Campus Moufia, Mural von Kid Kreol & Boogie (Foto: privat)

DER UMGANG MIT DEM KRÉYÒL

Wir haben uns bereits zu Beginn darauf geeinigt, mit dem Kréyòl so umzugehen, dass wir ein Maximum an einzelnen Begriffen und Sätzen in unserer Übersetzung erhalten wollen. Manchmal mussten wir dafür kreativ werden, manchmal doch etwas ins Deutsche übertragen und an einer Stelle durften wir sogar eine kreolische Referenz sichtbar machen:

* Im Prolog verwendet Bienville eine kreolische Eingangsformel, die üblicherweise auf den Antillen eine Geschichte («conte») einleitet und eine Verbindung zwischen den Geschichtenerzähler*innen und dem Publikum herstellt:

Erzähler*in YÉ KRIK ?
Publikum YÉ KRAK !
Erzähler*in YÉ MISTIKRIK ?
Publikum YÉ MISTIKRAK !

Erzähler*in SCHLÄFT DER HOF?  Est-ce que la cour dort ?
Publikum NEIN DER HOF SCHLÄFT NICHT! Non la cour ne dort pas !

Zunächst wollten wir die Formel komplett unübersetzt erhalten, entschieden uns dann aber, den hinteren Teil, bei dem die Erzählstimme konkret fragt «Est-ce que la cour dort?» und das Publikum antwortet «Non la cour ne dort pas !» doch zu übersetzen, um die Wirkungsäquivalenz für ein Publikum, dass sich zur Interaktion eingeladen fühlt, zu erhalten. Im nächsten Schritt überlegten wir dann zwischen verschiedenen Varianten für «la cour» hin und her. Holen wir es direkt in die Gegenwart und das Theater, übersetzen also «Schläft der Saal?» oder generalisieren wir eher und nehmen «Schläft das Publikum?» Letztlich entschieden wir uns dafür, es so nah wie möglich, fast interlinear, am Original zu übersetzen, um durch «Schläft der Hof?» auch die Historizität der Formel zu erhalten.

* In der Paradieszene (Genesis 3) zitiert Bienville teils direkt aus der Bibel. Für unsere Übersetzung haben wir uns auf die deutsche Einheitsübersetzung gestützt. Für das kreolische Wort für Gott – Bondyé – haben wir uns in Anlehnung an die Formulierung «Adonaj, also Gott» aus der Bibel in gerechter Sprache (vgl. S. 34) inspirieren lassen:

Bondyé, also Gott.

* Bei einem mit Fußnote versehenen kreolischen Wort sind wir nochmal anders vorgegangen. Da wir von der Autorin wussten, dass die Fußnoten im Original vom Verlag angefügt wurden, wollten wir diese an ein paar Stellen einsparen. Dazu behalfen wir uns mit einem Einschub, in dem wir die deutsche Entsprechung mit dem kreolischen Wort und einem vorangestellten «also» erklärten, sodass die sprachliche Realität des Code-Switchings erhalten bleibt (auch wenn diese für einen dramatischen Text, der für ein französischsprachiges Publikum geschrieben wurde, natürlich fingiert bleibt). In der Kochszene haben wir die Übersetzung des kreolischen Adjektivs «blèblèblè» (dt. unreif) für den Halbsatz «Un demi fruit à pain blèblèblè» anstelle einer Fußnote mit einem Einschub eingebaut (hier fett gedruckt):

Eine halbe Brotfrucht, noch nicht reif, also wirklich blèblèblè

* Bei zwei anderen Begriffen waren wir uns etwas unsicher, da sie auch im Französischen so existieren und wir hier kreolische Begriffe «versteckt» vermuteten. Die Autorin half uns auch hier netterweise schnell weiter. Bei einem der Begriffe lagen wir falsch, bei dem anderen richtig. Für den bekamen wir ihr Go, ihn hervorzuheben. So wurde aus «Femme debout qui nous porte, moi et mon île, à bout de bras»

Fanm doubout – die Frau, die uns trägt, meine Insel und mich, mit letzter Kraft

* Bei dem anderen Satz hatten wir fälschlicherweise eine Referenz auf ein kreolisches Wort angenommen, aber nach Bienvilles Aufklärung wurde aus «Tiens, bois.» in unserer Übersetzung ein einfaches

Hier, trink das.

Zur Erklärung: Wir hatten vermutet, die Autorin referiere auf das kreolische Wort Kenbwa (bzw. Tjenbwa/ Quimbois), das je nach Kontext religiös konnotiert ist, auf Heilung durch pflanzenbasierte Medizin verweist oder auch für ein Konzept der «Zauberei» steht. Wir gingen davon aus, dass letztere Bedeutung ironisch eingebaut wurde, da wenige Zeilen später folgender «Versprecher» auftaucht: «Tu as goûté celui au poison, au poisson?»

Hast du die mit Gift äh Fisch probiert?

Da Kenbwa etymologisch vermutlich aus dem französischen Satz «Tiens, bois» abgeleitet wurde und sich im Bedeutungskontext Zauberei oder Heilung durch Pflanzen auf so etwas wie den Trunk eines Kenbwazè/ einer Kenbwazeuz (auch Gadezafé, also Seher, genannt) beziehen könnte, hatten wir bei der Aufforderung «Hier, trink» also an eben diesen Zusammenhang gedacht (einige Linguist*innen vermuten den etymologischen Ursprung im Kikongo, wo «Kimbwa» Wissen oder Erkenntnis bedeutet, vgl. https://lesclesdalice.fr/kenbwa-tchimboi-ou-tjenbwa/).

Die Übertragung des Wortspiels «poison – poisson» (siehe letzten eingerückten Textschnipsel) für die wir folgende Lösung ertüftelt hatten, haben wir letztlich zugunsten der Sprechbarkeit und Kürze, nach Feedback mit dem Lektorat, nicht beibehalten:

hast du die mit Fisch probiert, die sind giftig lecker, richtig lecker

 

Szene aus der Inszenierung von «CHLRDCN – trop beau pour y voir» durch Béatrice Bienville und Yassim Aït Abdel-Malek (Foto: Blokhaus808)

FAZIT

Bienville schafft es mit ihrem Theatertext den komplexen Chlordecon–Skandal, seine Umstände und Auswirkungen einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Wir hoffen, dass mit der Übersetzung dieses Theatertextes auch im deutschsprachigen Raum Diskussionen über den Chlordecon-Skandal angestoßen werden, insbesondere, wenn er noch für die Bühne inszeniert werden sollte. Wir blicken gespannt auf die zukünftigen Arbeiten der brillanten Béatrice Bienville.

UNSER FAZIT IN PUNCTO ZUSAMMENARBEIT

Allein für den ausführlichen Austausch über den komplexen Chlordecon-Skandal, die Hintergründe und politischen Dimensionen war die Teamarbeit ein großes Glück. Julia hatte schon vorher jahrelang die juristische Aufarbeitung des Skandals verfolgt und somit einen sehr guten Überblick mit dem sie uns rasch ein paar Dokus und Artikel zusammenstellte, die wir gemeinsam noch einmal gezielt in Bezug auf die Referenzen aus Bienvilles Text durchsahen. Und natürlich half unser gemeinsam vertieftes Wissen über kreolische Kulturen beim Erkennen von Referenzen und bei der Recherche.

Unsere erste Zusammenarbeit als Übersetzungskomplizinnen war genauso bereichernd und bestärkend, wie wir es uns vorgestellt haben. Sicherlich ist eine Teamübersetzung auch immer zeitintensiver, aber eine kollaborative Übersetzung profitiert immer von der Schwarmintelligenz.


Am 19. November um 20 Uhr wird am Staatstheater Mainz der 25. Band der Theateranthologie «SCÈNE – neue französischsprachige Theaterstücke» vorgestellt. In diesem Rahmen werden auch Auszüge aus «CHLRDCN – zu schön, um wahr zu sehen» gelesen.

Infos und Reservierungen hier.

Zur Buchbestellung hier.


 

Die Autorin, Dramaturgin und Regisseurin Béatrice Bienville (Foto: privat)

Béatrice Bienville ist eine aus Guadeloupe stammende Dramatikerin und Regisseurin. Sie studierte Szenisches Schreiben an der ENSATT in Lyon. Im Rahmen von Schreibaufträgen, Schreibworkshops oder ortsspezifischen Projekten arbeitet sie u. a. mit den Theaterkompagnien Projet D, Compagnie Brumes und Le Menteur Volontaire zusammen. Ihre Texte La véritable histoire de la Gorgone Méduse und C’est là que mon nombril est enterré wurden mehrfach ausgezeichnet. Ihr neuestes Stück, CHLRDCN – Trop beau pour y voir, über den Chlordecon-Skandal, gewann den Preis der Journées de Lyon des Autrices et Auteurs de Théâtre und wurde von Artcena und Le Troisième Bureau unterstützt. Uraufgeführt wurde der Text im Juni 2025 am Pariser Théâtre 13, in einer Inszenierung von Béatrice Bienville und Yassim Aït Abdelmalek, die mit dem Prix T13 ausgezeichnet wurde. Béatrice Bienville ist Hausautorin am CDN Tours. Gemeinsam mit Hoël·le Beauchard de Luca und Jana Remond gründete sie das Kollektiv Collective Dévorante.

Die Übersetzerihn Julia Braun (Foto: privat)

Julia Braun ist Literaturübersetzerin (FR>DE). Sie hat Französisch, Kulturwissenschaften und Literaturübersetzen in Bremen, Düsseldorf, auf Martinique und La Réunion studiert. Im Frühjahr erscheinen Romane von Gaëlle Bélem und Maurice Leblanc in ihrer Übersetzung. Sie lebt und arbeitet in Dortmund.

 

Die Übersetzerin Sandra Lattke (Foto: Sophia Fischer)

Sandra Lattke studierte Literaturübersetzung, Translation und Französistik in Leipzig und Jena, sowie Créole und frankophone Literatur auf La Réunion. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und mit Mauritius verwurzelt. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.

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