Protokoll einer Soirée zu David Paquets «Immer Frühlings Erwachen» in Göttingen «Humor ist wie ein Gleitmittel.»
Morgen, am 13. Juni erlebt die Wedekind-Überschreibung «Immer Frühlings Erwachen» des Quebecer Dramatikers David Paquet ihre deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Theater Göttingen. Regie führt Alexander Nerlich. Sechs Monate zuvor, am 28. Januar, fand im kleinen Saal des Theaters eine Soirée statt, die Studierende des Romanischen Seminar organisiert hatten. Unter Leitung von Prof. Dr. Pia Döring hatten Anna Baumgartl, Elisa Frevert, Hannes Fritz, Feemke Janssen, Francesca Pedersen, Nalini Kratzin und Natalia Lucas Paquets Neufassung mit Wedekinds Original verglichen und dramaturgisch analysiert. 90 Minuten lang führten sie vor Publikum in das Werk ein, ergänzt durch Lesungen mit Schauspieler*innen aus dem Göttinger Ensemble. Mit dabei: Dramaturgin Stephanie Wedekind, der Autor David Paquet selbst (per Zoom aus Montreal zugeschaltet) und sein Übersetzer Frank Weigand.
28. Januar 2026, 18 Uhr:
Stephanie Wedekind: Am 13. Juni werden wir hier eine deutschsprachige Erstaufführung im Großen Haus haben: «Immer Frühlings Erwachen» von David Paquet. Wir beschäftigen uns bereits mit dem Text. Es handelt sich um eine Neuschreibung frei nach Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen».
Doch nicht nur wir beschäftigen uns mit diesem Text: Auch im universitären Bereich gibt es ein Seminar, in dem es um zeitgenössische Theatertexte aus Quebec geht. Deswegen haben wir heute Abend zu Gast, als Kooperationspartner, die Universität Göttingen, Privatdozentin Dr. Pia Claudia Doering mit ihren Studierenden, die durch diesen Abend führen werden.
Außerdem haben wir ganz prominent zu Gast Frank Weigand, der der Übersetzer dieses Stückes ist, aber auch heute Abend dolmetschen wird, und per Zoom zugeschaltet: David Paquet, den Autor aus Quebec.
Wie gesagt, es ist eine wunderbare Kooperation zum ersten Mal hier mit dem Studiengang Romanische Philologie. Ich freue mich sehr, dass Sie zu Gast sind.
Im weiteren Verlauf des Abends werden vier Ensemblemitglieder zwei Szenen aus dem Stück lesen. Nun übergebe ich aber erstmal an die Studierenden.
Anna Baumgartl/Feemke Janssen: «Es würde mich wundern, wenn ich den Tag erleben würde, an dem dieses Werk endlich so gesehen wird, wie ich es geschrieben habe: als ein sonniges Gemälde des Lebens voller Humor.» Mit diesem Satz aus Frank Wedekinds Skizzenbüchern beginnt David Paquet seine Annäherung an einen der bekanntesten und zugleich radikalsten Theatertexte der Moderne. Mehr als hundert Jahre nach der Uraufführung von «Frühlings Erwachen» legt der Quebecer Autor mit «Immer Frühlingserwachen», im Original «L‘Éveil du printemps», eine zeitgenössische Neuinterpretation vor, die den Klassiker aufleben lässt, mit Witz und großer Nähe zur Gegenwart.
David Paquet, 1978 in Montreal geboren, gehört zu den wichtigsten aktuellen Dramatikern aus Québec. Seine Stücke werden international gespielt und ausgezeichnet. Zugleich wird er im deutschsprachigen Raum häufig als Autor für Kinder und Jugendtheater wahrgenommen. Paquet selbst versteht sich jedoch als generationenübergreifender Autor, dessen Texte bewusst mehrere Altersgruppen gleichzeitig ansprechen.
Seine Stücke richten sich an Jugendliche ebenso wie an Erwachsene, und oft entstehen gerade dort die fruchtbarsten Gespräche, wo verschiedene Generationen gemeinsam im Zuschauerraum sitzen. Paquet betont immer wieder, dass Theater für junges Publikum keineswegs leichter oder weniger anspruchsvoll sei. Im Gegenteil, Jugendliche reagieren unmittelbar, ehrlich und ungeduldig.
Wenn ein Stück nicht präzise erzählt ist, wenn Rhythmus, Sprache oder Dramaturgie nicht stimmen, geht die Aufmerksamkeit verloren. Für Paquet bedeutet das Schreiben für junge Menschen daher höchste Konzentration und Disziplin. Diese Haltung prägt auch «Immer Frühlings Erwachen».
Das Stück entstand in den frühen 2020er Jahren und wurde am 24. Januar 2023 im Théatre du Trident uraufgeführt. Für diese Arbeit erhielt Paquet den Prix Louis Lahaye, einen der bedeutendsten Theaterpreise für junges Publikum in der frankokanadischen Theaterlandschaft.
Anna Baumgartl/Feemke Janssen: Bei dem Stück handelt es sich um eine Überschreibung von Frank Wedekinds Werk «Frühlings Erwachen». Bereits 1891 behandelte Wedekind Themen, die bis heute als heikel gelten: sexuelle Selbstfindung, gesellschaftliche Tabus, Sprachlosigkeit zwischen Generationen und die Folgen moralischer Verbote. Paquets Interesse galt dabei weniger der bloßen Aktualisierung des Stoffes als der Frage: Warum berührt uns dieses Stück noch immer und was sagt es über unsere Gegenwart? Seine Antwort ist eine Neufassung, die Wedekinds Grundstruktur respektiert, sich aber zugleich große Freiheiten nimmt.
Neue Szenen erweitern den Text, erwachsene Figuren gewinnen an Komplexität und Humor wird zu einem zentralen dramaturgischen Werkzeug. Im Mittelpunkt stehen, wie bei Wedekind, Jugendliche am Übergang zum Erwachsenwerden. Sie erleben erste Gefühle, Unsicherheiten und körperliche Veränderungen, stoßen an die Grenze dessen, worüber gesprochen werden darf und geraten in Konflikt mit den Erwartungen der Erwachsenenwelt.
Doch Paquets Blick bleibt nicht bei der Pubertät stehen. Sein «Frühlings Erwachen» ist ein Stück über das Erwachsenwerden, aber auch über das Älterwerden, über Sexualität in verschiedenen Lebensphasen und über die Schwierigkeit, miteinander ehrlich zu sprechen.
Auch zentrale gesellschaftliche Themen unserer Zeit werden verhandelt. Fragen der Identitätssuche, des eigenen Körpers und der sexuellen Selbstbestimmung stehen neben einem diffusen Gefühl von Zukunftsangst. Paquet verbindet das persönliche Erwachen der Figuren mit einer Welt, die sich im Umbruch befindet. Klimawandel, Fake News, gesellschaftliche Polarisierung und ein wachsendes Misstrauen gegenüber bestehenden Systemen wie dem Kapitalismus bilden den Hintergrund, vor dem junge Menschen heute aufwachsen.
Das Stück wirft die Frage auf, wie man Orientierung findet, wenn Sicherheiten brüchig werden und welche Verantwortung jede Generation dabei trägt.
Anna Baumgartl/Feemke Janssen: Dass Paquets «Frühlings Erwachen» nicht nur in Quebec funktioniert, sondern auch in Europa große Resonanz findet, liegt genau in dieser Verbindung aus direkter Gegenwart und universellen Fragen. Die Figuren sprechen eine Sprache, die nah am Alltag ist, voller Rhythmus, Ironie und überraschender Wendungen.
Paquets Stil ist präzise und humorvoll. Seine Dialoge sind scharf beobachtet, oft komisch und zugleich von großer emotionaler Offenheit. Der Witz seiner Formulierungen nimmt den Themen ihre Schwere, ohne sie zu verharmlosen. «Immer Frühlings Erwachen» ist damit mehr als eine Neuinterpretation eines Klassikers. Es ist ein lebendiger, gegenwärtiger Theatertext, der Wedekinds Anliegen ernst nimmt und zugleich weiterdenkt.
David Paquet gelingt es, einen historischen Stoff in unsere Zeit zu holen und ihn für unterschiedliche Generationen neu erfahrbar zu machen. Sein Theater vertraut auf die Intelligenz des Publikums, unabhängig vom Alter, und lädt dazu ein, gemeinsam zu denken, zu lachen und zu diskutieren.
Gerade deshalb ist diese Soirée nicht nur eine Vorstellung eines Autors und eines Werkes, sondern eine Einladung zum Gespräch zwischen Generationen, zur Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart und zum Wiederentdecken der Kraft des Theaters. Wie könnte die Kraft des Theaters besser wirken als im Vortrag der Schauspieler*innen des Deutschen Theaters Göttingen?
Wir haben zwei Szenen für Sie ausgewählt, die Ihnen einen ersten Eindruck der Themen und der Figuren vermitteln sollen.
Hannes Fritz: Im Zentrum von «Immer Frühlings Erwachen» stehen fünf Jugendliche: Moritz, Melchior, Otto, Martha und Wendla. Alle fünf begegnen ganz unterschiedlichen Problemen in ihrem alltäglichen Zusammenleben mit Familie und Freunden.
Das Verhältnis zwischen Moritz und seinem Vater ist charakterisiert vom internalisierten Leistungsdruck der Gesellschaft. Moritz empfindet eine ausgeprägte Versagensangst, verstärkt durch die hohen Erwartungen seines Vaters an ihn und seine schulischen Leistungen. Auf beiden Seiten entsteht daraus eine emotionale Unsicherheit, die immer wieder zu Konfrontationen führt und die Vater-Sohn-Beziehung unter Spannung setzt.
Den einzigen Ausweg aus dieser Versagensangst findet Moritz darin, nicht mehr er selbst zu sein und in eine andere Rolle zu schlüpfen. Bestärkt wird er in diesem Gedanken durch seinen Berufsberater, der ihm in einem Krisengespräch über seine Noten rät: «Spiel Theater, dort kannst du jeder andere sein, nur nicht du selbst.» Als scheinbar einfache Lösung nimmt Moritz den Rat an und teilt seinem Vater seine Entscheidung mit.
Wie der Vater auf diesen Schritt reagiert, welche Bedeutung er dem Theater beimisst und welche Erkenntnis Moritz aus dem Gespräch mit seinem Vater zieht, das sehen wir in der folgenden Szene.
Es lesen Charlotte Wollrad, Bastian Dulisch und Paul Trempnau.
(Lesung)
Francesca Pedersen: Als weiteren Ausschnitt wollen wir Ihnen heute noch eine spätere Szene aus der Mitte des Stücks vorstellen. Die Szene zeigt sehr gut, wie «Immer Frühlings Erwachen» mit unseren Erwartungen spielt, gerade wenn über Sexualität gesprochen wird.
Genau wie im späten 19. Jahrhundert bei Frank Wedekind gilt auch im 21. Jahrhundert bei Paquet: Die aufkeimende Sexualität der Jugendlichen ist eigentlich weder Ursprung noch Kern ihrer wahren Probleme.
In dieser Szene geht es um Otto, der ganz klassisch mit Vater und Mutter zusammenlebt, wobei seine Mutter die Erziehung alleine zu übernehmen scheint. Als betont verständnisvolle und zugewandte Mutter ahnt sie oft schon vor Otto, was in ihm vorgeht. Ansonsten ist Otto stets bemüht, an Geld zu kommen und sucht sich dafür nicht nur einen Job, sondern scheut auch vor Wetten und Tricksereien nicht zurück.
Dass diese Fixierung aufs Geld jedoch möglicherweise ausartet, zeigt sich nicht nur im weiteren Verlauf des Stücks, sondern schockiert auch seine Mutter in der folgenden Szene.
Es lesen Marie Seiser und Paul Trempnau.
(Lesung)
Nalini Kratzin: Und jetzt freuen wir uns, endlich mit dem sehr geduldigen Gast des Abends ins Gespräch zu kommen. Wir begrüßen noch einmal ganz herzlich David Paquet! Vielen Dank, dass Sie hier per Video bei uns sind. Wir freuen uns auch sehr, dass Frank Weigand uns bei diesem Interview unterstützt und David Paquet dolmetschen wird. Vielen Dank dafür.
Ihr Stück «Immer Frühlings Erwachen» steht in einem sehr bewussten Dialog mit der Theatergeschichte und mit einem Text, der im deutschsprachigen Raum zum Kanon gehört. Wie sind Sie erstmals auf Frank Wedekinds Text gestoßen und was hat Sie daran angesprochen?
David Paquet: Bevor ich auf diese Frage antworte, möchte ich gerne ganz kurz zwei Punkte klären. Punkt eins: Es ist sehr schwierig, durch diese Fülle von technischen Apparaten die Aufmerksamkeit von anderen Menschen auf sich zu ziehen. Also, bitte bleiben Sie bei mir. We will be having fun.
Der zweite wichtige Punkt: Ich habe natürlich nicht das Original von Wedekind gelesen, weil ich leider, leider, leider der deutschen Sprache nicht mächtig bin. Ich sage das jetzt ganz offen, denn natürlich löst das einen gewissen Stress bei mir aus, in Deutschland vor deutschsprachigem Publikum über einen deutschen Text zu sprechen, ohne selbst die Sprache zu können. Deswegen muss das gleich zu Anfang raus.
Und jetzt können wir uns mit der Frage beschäftigen, die mir gerade gestellt wurde: Als ich den Text von Wedekind zum ersten Mal gelesen habe, war der Anlass, dass mich ein großes Theater aus Quebec angesprochen hat, ob ich ihn adaptieren möchte. Und zu meiner großen Schande kannte ich den Text nicht und hatte ihn nie gelesen.
Man muss dazu sagen, hier bei uns in Nordamerika ist dieser Text beim englischsprachigen Publikum wahnsinnig bekannt, wahnsinnig populär, aber überhaupt nicht beim französischsprachigen Publikum. Da ist er sehr unbekannt.
Ich habe den Text also gelesen, zwei, drei, vier Mal in unterschiedlichen Übersetzungen, die aber alle aus Frankreich, dem französischen Mutterland, kamen und ich fand sie alle sehr seltsam, sprachlich extrem ausschweifend, und konnte nicht wirklich etwas damit anfangen.
Und dann habe ich zum Glück die englische Übersetzung von Edward Bond gefunden. Da hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl, ich habe wirklich Zugang zu dem Werk von Wedekind, weil die Sprache von Edward Bond, also die Sprache, in die er Wedekind im Englischen übersetzt hat, viel direkter und konzentrierter war.
Und dann habe ich den Stückauftrag angenommen, denn ich mochte die Thematik von Wedekinds Text, ich mochte die Figuren und ich mochte auch die Struktur.
Man muss dazu sagen, das war meine erste Adaption, also Überschreibung eines bestehenden Stoffes. Aber ich dachte mir: Das ist ein guter Stoff. Daraus kann man etwas Interessantes machen.
Nalini Kratzin: Noch eine Nachfrage zu dem Aspekt der Neu-Schreibung: Wir haben uns gefragt, ob eine gewisse historisch-kulturelle Distanz zum Stück eher ein Hindernis darstellte oder vielleicht gerade umgekehrt, nämlich eine produktive Freiheit?
David Paquet: Für mich war das in erster Linie eine Quelle von Freiheit, weil ich das Stück für Leute geschrieben habe, die das Original überhaupt nicht kannten. Es war eine große Freiheit, weil es niemanden gab, der es vergleichen konnte. Aber gleichzeitig gab es auch niemanden, der meine Entscheidungen beurteilen und mir Feedback geben konnte. Im Gegensatz zu Ihnen heute Abend.
Nalini Kratzin: Deswegen wollen wir noch eine Frage zu den Figuren stellen. Denn in der Überschreibung ist uns besonders aufgefallen, wie Sie die Figuren des Stücks neu denken. Sie verändern nicht nur einzelne Charakterzüge, sondern verschieben auch grundlegende Konstellationen. So wird zum Beispiel aus Melchior eine weibliche Figur, aus Ilse eine nicht-binäre Figur, also Entscheidungen, die ja tiefer in die Struktur des Stücks eingreifen. Gleichzeitig geben Sie zum Beispiel den erwachsenen Figuren deutlich mehr Raum und Komplexität.
Warum war es Ihnen wichtig, die Figuren so radikal neu zu entwerfen, sowohl in Bezug auf Sexualität, Geschlecht und Identität als auch auf die Rolle der Erwachsenen? Und wie verändert das womöglich den Kern des Stücks?
David Paquet. Das ist eine sehr gute und eine sehr komplexe Frage. Das ist das erste Mal, dass ich ein Stück adaptiert habe. Als Erfahrung ist das ein bisschen, wie wenn man ein 100 Jahre altes Haus betritt. Und man geht da durch und denkt sich: Was behalte ich, was verändere ich und was kommt einfach auf den Müll?
Der Hauptgrund, warum ich zum Beispiel die Figur von Melchior zu einer weiblichen Figur gemacht habe, ist, dass das Schicksal der weiblichen Figuren im Original, bei Wedekind, ein sehr unglückliches Schicksal ist. Zum Beispiel wird die Hauptfigur Wendla nicht nur Opfer sexueller Gewalt, sondern stirbt am Ende auch an den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Ich wollte bei meiner Neuschreibung auf keinen Fall, dass die Begrenzungen aus der Vergangenheit zu den Begrenzungen der Gegenwart werden. Deswegen habe ich gerade dieser Figur, deren Geschlecht ich geändert habe, besonders viel Freiheit gegeben.
Meine Überschreibung ist auch eine Art Hommage an das Original von Wedekind, an die Provokation, die da dringesteckt hat. Ich wollte ein Stück schreiben, das auch heute noch irgendwie eine Art von Provokation sein kann. Ich wollte eine Frau ins Zentrum stellen, die eben kein Objekt der Begierde ist, sondern ein Subjekt der Begierde.
Im Original ist Wendla das Opfer ihrer Unschuld, durch die sie Opfer von sexuellem Missbrauch wird. In meiner neuen Fassung – für die Gesellschaft, in der wir jetzt leben – ist Wendla das Opfer ihrer Hellsichtigkeit, weil sie die Mechanismen dieser Gesellschaft durchschaut und auch versteht, auf welche Art und Weise sie durch ihren Körper zum Objekt gemacht werden soll.
Bei den Erwachsenenfiguren hat mich vor allem eines beschäftigt: Sexuelles Erwachen kennt kein Alter sondern kann in jedem Alter stattfinden, nicht nur in der Pubertät. Oder – um es ein bisschen direkter zu sagen: Gefickt wird immer.
Der Stückauftrag, den ich ursprünglich bekommen habe, war eine Koproduktion zweier sehr unterschiedlicher Theater. Auf der einen Seite ein Theater aus Quebec City, der zweitgrößten Stadt der Provinz Quebec, ein ziemlich reiches und bürgerliches Theater, wo das Publikum im Schnitt über 45 Jahre alt ist und finanziell eher gut dasteht.
Das andere war ein Theater in Montreal, ein sehr großes Theater mit 800 Plätzen, das Theater für junges Publikum macht, also für Kinder und Jugendliche, die oft aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und vor allem ganz häufig zum allerersten Mal in ihrem Leben überhaupt ein Theaterstück sehen
Mein Auftrag war es, ein Stück über Sexualität zu schreiben, für diese beiden vollkommen unterschiedlichen Publika. Das ist auch ein Grund, warum ich die Erwachsenenfiguren ein bisschen komplexer gestaltet habe, weil schließlich 50% des Publikums aus Erwachsenen bestanden. Daher wollte ich Identifikationspotenzial schaffen. Und außerdem bin ich ja auch selbst anscheinend mittlerweile ein Erwachsener und kein Teenager mehr (lacht).
Elisa Frevert: Wir würden uns gerne ein bisschen mehr über den Ton unterhalten, den das Stück anschlägt. Denn uns ist aufgefallen, dass Sie in ihrem Stück sehr viele große und sehr ernste Themen unserer Gegenwart aufgreifen. Im Grunde die zentralen Konfliktlinien unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie zum Beispiel auch die Kapitalismuskritik, die in der eben gezeigten zweiten Szene sehr deutlich geworden ist. Und man könnte jetzt erwarten, dass der Text dadurch sehr schwer oder teilweise auch belehrend wirkt. Stattdessen arbeiten Sie sehr viel mit Humor und teilweise auch wirklich sehr absurden Situationen und Dialogen.
Deswegen unsere Frage: Was genau erhoffen Sie sich von dieser Verbindung aus Ernst und Komik und was kann der Humor hier vielleicht leisten, was ein rein ernsthafter Ton nicht vermag?
David Paquet: Das ist ein Element, das sich durch alle meine Stücke zieht: Sie sind alle gleichzeitig hart und witzig. Ich würde sagen, ich betreibe eine Art emotionale Seiltänzerei. Weil ich der Meinung bin, dass das Theater gleichzeitig ein Spiegel der Gesellschaft sein sollte, gleichzeitig aber auch eine Möglichkeit, vor dieser Gesellschaft in einen sicheren Raum zu entfliehen.
Ein Spiegel der Gesellschaft ist in diesem Stück natürlich die Übersteigerung der Diskurse über Sexualität oder auch der übersteigerte Umgang mit dem Kapitalismus, wie wir ihn gerade bei Otto erlebt haben. Das ist sicherlich etwas, das abbildet, was tatsächlich «da draußen» geschieht.
Und der Anteil «Zufluchtsraum» besteht darin, all diese Informationen zu nehmen und daraus eben keine Nachrichtensendung zu machen, nicht irgendwas Zynisches zu produzieren, sondern – früher hätte man gesagt: etwas «Erbauliches mit Humor.»
Ich zitiere gerne einen berühmten Quebecer Regisseur, André Brassard, der sagt: «Humor ist wie ein Gleitmittel. Damit kriegt man auch Dinge rein, bei denen das sonst zu weh tut.»
Elisa Frevert: Humor ist natürlich vielfach mit der Sprache verknüpft und auch mit bestimmten kulturellen Anspielungen, die übermittelt werden müssen. So kommen wir sehr schnell zum Thema der Übersetzung und auch zu der Bedeutung einer sehr guten Übersetzung. Was die Schauspieler*innen nämlich vorhin gelesen haben, ist ja nicht das, was David Paquet im Original geschrieben hat, sondern der von Frank Weigand übersetzte deutsche Text. Und da wir das Glück haben, Sie heute beide hier zu Gast zu haben, wollen wir natürlich auch die Chance nutzen und kurz einen Einblick in Ihre Zusammenarbeit erhalten.
Deshalb eine Frage an Sie beide: Wie kann man sich Ihre gemeinsame Arbeit und den Übersetzungsprozess vorstellen?
Frank Weigand: Wir arbeiten inzwischen schon seit ca. 15 Jahren zusammen. Zwischen meiner ersten Übersetzung eines Stücks von David und dieser Übersetzung liegen also 15 Jahre, 15 Jahre Zusammenarbeit und auch 15 Jahre Freundschaft. Wenn wir heutzutage an einem Stück arbeiten, fangen wir ganz anders an als früher.
Ein Großteil der Arbeit an der allerersten Übersetzung vor 15 Jahren bestand darin, das Vertrauen des Autors zu gewinnen. Heute sieht das ganz anders aus. Auch auf die Gefahr hin, Sie – und ihn – jetzt zu schockieren: Ich stelle eigentlich keine Fragen mehr. Ich habe inzwischen sechs Stücke von David übersetzt, ich kenne das Universum, ich kenne den Ton seiner Texte.
Wenn dem nicht so wäre, hätte ich sicherlich einen Haufen Fragen. Aber ich glaube, ich kenne den Humor, ich kenne die Art von Figuren, die David entwickelt. Das sind immer sehr sympathische Figuren, die immer etwas Tragisches haben, die ein bisschen vom Leben beschädigt sind und die auf eine sehr anrührend hilflose Art und Weise nach einer Art von Liebe suchen.
David Paquet: Genau, das sind Menschen mit einem behinderten Herz.
Es stimmt, natürlich hattest du einen gewissen Ruf als Übersetzer und so weiter, aber trotzdem ist es als Autor immer komisch, in eine Sprache übersetzt zu werden, die man nicht kennt.
Für mich ist das Kriterium eigentlich: Wie ist die Reaktion des Publikums? Lachen die Leute an den richtigen Stellen? Als deine erste Übersetzung fertig war, das Stück heißt auf Deutsch «2 Uhr 14», wurde es in Saarbrücken szenisch gelesen, und ich war dazu eingeladen. Und die Reaktionen waren genau so, wie ich sie vom Original kannte. Das Publikum hat genau an denselben Stellen gelacht wie in Quebec.
Und da dachte ich mir: Das ist das gleiche Timing, das sind die gleichen Reaktionen. Das ist also eine gute Übersetzung, auch wenn ich die Sprache nicht verstehe.
Frank Weigand: Eigentlich verdanken wir unsere Begegnung einer Person, die ich jetzt unbedingt erwähnen muss: Annette Kührmeyer, eine Dramaturgin, die die Hörspielabteilung des Saarländischen Rundfunks leitet.
Die hatte damals die tolle Idee, dass ich Davids Text übersetzen soll, ursprünglich für eine Hörspielfassung. Auch «Immer Frühlings Erwachen», das Sie hoffentlich im Juni sehen werden, wurde zunächst als Hörspiel produziert.
Und Anette Kührmeyer ist eigentlich immer die erste Person, die uns Feedback gibt, die sagt: «Das und das funktioniert und das und das funktioniert für mich nicht. Warum hast du diese Übersetzungsentscheidung getroffen?» usw.
Für die Hörspielfassung von «Immer Frühlings Erwachen» hat David tatsächlich noch einmal das Originalstück verändert und es hörspieltauglicher gemacht. Bei der Hörspieldiskussion wurden sowohl dramaturgische Fragen zum Original als auch Fragen zur Übersetzung gestellt. Deshalb ist der Text im Endeffekt so gut geworden, auch auf Deutsch.
David Paquet: Es ist immer interessant, sich mit seinem Übersetzer auszutauschen, weil ich dabei merke, welche Elemente in meinem Text eigentlich nicht übersetzbar sind.
Meine Texte sind sprachspielerische Texte, voller Wortspiele, und es gibt immer wieder Stellen, wo die Übersetzer*innen Neues erfinden müssen. Sie schreiben eigentlich einen ganz neuen Text.
Und als mein deutscher Übersetzer hast du das Glück, dass ich die Sprache nicht verstehe. Meine englische Übersetzerin treibe ich nämlich in den Wahnsinn, weil ich alles hinterfrage.
Frank Weigand: In «Immer Frühlings Erwachen» hat mir eine Stelle sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. Letztendlich habe ich da tatsächlich etwas völlig Neues erfunden. Da sprechen Vater und Sohn über ein Himmelsphänomen, das Nordlicht, die «aurore boréale», und der Sohn versteht «erreur boréale», was also ein «Nordlicht-Irrtum» wäre. Ich habe daraus ein ähnliches Spiel mit «Sternschnuppe» und «Sternschnupfen» gemacht.
Elisa Frevert: Zum Abschluss würden wir gerne noch eine etwas andere Dimension des Stückes aufmachen oder einen Aspekt, der vielleicht ein bisschen darüber hinausgeht. Wir haben nämlich in mehreren Szenen gesehen, dass Sie immer wieder auf eine meta-reflexive Ebene gehen, also dass bei Ihnen das Theater über sich selber nachdenkt. Es geht in dem Text viel um die Rolle des Theaters in unserer Gesellschaft und um die Frage, warum es von vielen eben als nicht systemrelevant wahrgenommen wird. Und das ist ein Diskurs, der uns auch aus der Corona-Pandemie noch sehr präsent ist und der auch heute nichts an Aktualität verloren hat, gerade jetzt, wo vielen Theatern oder Kulturstätten aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen teilweise sogar die Schließung droht.
Deswegen eine sehr wichtige Frage: Was kann das Theater Ihrer Meinung nach heute leisten, gerade auch in einer Zeit, in der das Thema Wahrheit zunehmend umkämpft ist?
David Paquet: Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich weiß nicht, ob ich angemessen darauf antworten kann, aber ich werde es versuchen.
Professionell angefangen, Theaterstücke zu schreiben habe ich im Jahr 2006. Vor genau zwanzig Jahren. Damals kam mir das ein bisschen altmodisch vor, Geschichten mit Figuren in einem Theatersaal zu erzählen, anstatt mit den Mitteln von Kino oder Fernsehen.
Zwanzig Jahre später habe ich das Gefühl, dass ich zu einer widerständigen Kunst beitrage, nämlich einer Kunst der menschlichen Präsenz. Denn wir leben jetzt in einer Zeit der Tyrannei der Algorithmen und der Bildschirme. In einer Zeit, die versucht, uns voneinander zu isolieren und jede*n in seinem*ihrem kleinen virtuellen Raum festzuhalten.
Und wir, die Theaterkünstler*innen, fordern die Leute auf: Lasst uns im richtigen Leben zusammenkommen und gemeinsam nachdenken. Früher war das Theater für mich eher eine Art Privileg, heute sehe ich es als einen Akt des Widerstands.
Beim Schreiben von «Immer Frühlings Erwachen» habe ich etwas sehr Grundlegendes begriffen: Im Grunde ist das Theater eigentlich viel ehrlicher als das Leben, weil das Theater sagt: «Was ihr hier seht, ist nicht echt, das ist etwas Gemachtes, künstlich Hergestelltes.»
Im Leben werden uns die ganze Zeit Dinge vorgesetzt, die nicht echt sind, aber es wird so getan, als seien sie es. Im Theater dagegen legen wir immer offen, dass hier Theater gespielt wird. Wir stehen also sozusagen zu diesem Fake.
Der Unterschied zwischen Theater und Leben ist, dass wir im Theater unser Einverständnis zu dem geben, was mit uns gemacht wird. Das Theaterpublikum sagt: «Ich bin eine erwachsene Person, ich bin einverstanden damit, dass mir hier ‚falsche‘ Geschichten erzählt werden.» Das ist ein großer Unterschied zu Bürgerinnen und Bürgern eines Staats, die eigentlich keine Einwilligung dazu gegeben haben, was ihnen alles erzählt wird und was alles mit ihnen gemacht wird.
In diesem Sinne ist das Theater eine großartige Erinnerung daran, was kollektives Erleben und Zusammenleben bedeutet.
Elisa Frevert: Das ist ein wunderbares Schlusswort.
Denn genau in so einem Raum befinden wir uns heute hier, und ich glaube, dass das einfach noch einmal zeigt, wie wichtig solche Abende sind. Dass wir alle miteinander ins Gespräch kommen.
Ich glaube, ich spreche für alle, wenn ich sage, dass das eine sehr inspirierende und sehr tolle Fragerunde mit Ihnen war und dass wir alle Lust auf mehr haben, Lust auf Ihr Stück.
Wir danken Ihnen, David Paquet, ganz herzlich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns über Ihr Stück, Ihre Arbeit und Ihre Perspektive auf das Theater ins Gespräch zu kommen. Und natürlich auch Ihnen, Frank Weigand, vielen herzlichen Dank für Ihre Perspektive und für das wunderbare Übersetzen.
Wir freuen uns wirklich sehr auf die Aufführung hier in Göttingen und sind natürlich sehr gespannt, den Text dann auch auf der Bühne zu erleben. Und wir würden uns ganz besonders freuen, wenn wir Sie, David Paquet, persönlich zur Premiere in Göttingen begrüßen könnten.
David Paquet: Ganz herzlichen Dank für Ihre Neugier. Es wäre natürlich toller gewesen, wenn ich hier bei Ihnen gewesen wäre. Und ich habe selbstverständlich absolut die Absicht, am 13.Juni nach Göttingen zu kommen.
Für heute Abend ist das, was mich ganz besonders glücklich macht, die Vorstellung, dass Wedekind jetzt sozusagen mit einem Quebecer «Facelift» zurück nach Deutschland kommt. Merci. Dankeschön, bye bye.
Natalia Lucas: Damit neigt sich unsere Soirée jetzt leider schon dem Ende zu.
An dieser Stelle möchten wir noch einmal dem Deutschen Theater Göttingen, den Schauspieler*innen für ihre Lesung und auch Ihnen allen für einen gelungenen Abend ganz herzlich danken.
Wir hoffen, dass dieser Abend Sie auch dazu eingeladen hat, miteinander ins Gespräch zu kommen und Ihre Neugierde auf die Premiere am 13.Juni hier im Deutschen Theater geweckt hat.
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und wünschen Ihnen noch einen schönen Abend.
«Immer Frühlings Erwachen» von David Paquet
nach Frank Wedekind
Premiere am 13. Juni um 19 Uhr 45 am Deutschen Theater Göttingen
Regie: Alexander Nerlich
Bühne und Kostüme: Heike M. Goetze
Musik: Malte Preuss
Choreografie: Valentí Rocamora i Torà
Dramaturgie: Stephanie Wedekind
Übersetzung: Frank Weigand
Weitere Informationen und Kartenreservierung hier.
1978 in Montreal geboren. Seit seinem Studium des szenischen Schreibens an der École nationale de théâtre du Canada arbeitet David Paquet als Theaterautor, Dramaturg, Übersetzer und Coach für Nachwuchsautoren. Parallel zu diesen Tätigkeiten zeigt er regelmäßig sein Format Papiers Mâchés, eine Art Stand-Up-Show, in der er spoken word-Poesie, Stegreiferzählungen und theatralisch geformte Monologe kombiniert. 2010 wurde sein ein Debütstück «Porc-épic gleichzeitig» mit dem renommierten quebecer Theaterpreis Michel Tremblay und dem höchstdotierten kanadischen Literaturpreis, dem Gouverneur Général du Canada ausgezeichnet.
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