Die Dramatikerin Marina Skalova über die Macht der Bilder in Kriegszeiten Die Vergangenheit ist kein Panzer

Über Cherson, wo die russische Armee inzwischen die Kontrolle übernommen hat, wusste ich nur wenig, lediglich dass meine Urgroßmutter dort geboren und aufgewachsen war. Meine gesamte Familie stammte ursprünglich aus der Ukraine. Meine Familie väterlicherseits kam aus Cherson. Meine Familie mütterlicherseits aus der Umgebung von Odessa. Diejenigen unter ihnen, die nicht den Pogromen der Nazis zum Opfer fielen, ließen sich in Moskau nieder.

Was mich mit der Ukraine verbindet, ist zunächst diese Erinnerung. Eine Verbundenheit mit Gerüchen, einige Kochrezepte, ein paar Fotos vom Hafen von Cherson. Was mich mit der Ukraine verbindet, ist auch eine Geschichte, die mir meine Großmutter väterlicherseits um die dreißig Mal anvertraut hat.

Die Geschichte ihrer Flucht aus Odessa, als an einem Junisonntag mit der Operation Barbarossa der Krieg begann. Drei Jahre in Folge, 1938, 1939 und 1940, hatte ihre Mutter im allerletzten Augenblick ihren Besuch bei der Familie in Odessa am Schwarzen Meer verschoben. Die politische Lage war instabil, man fürchtete, jeden Augenblick könnte der Krieg ausbrechen. Drei Jahre in Folge hatten sich diese Bedrohungen als unbegründet erwiesen: « Was für ein Krieg? Das ist bloß Panikmache! » Man packte die Koffer wieder aus, fand sich damit ab, auf eine andere Gelegenheit für diese Reise zu warten.

1941 beschlossen meine Großmutter und ihre Mutter, die Angst in den Wind zu schlagen und fuhren hin. Doch bereits in der ersten Nacht, gegen vier oder fünf Uhr morgens, zerrissen Warnsirenen die Luft. Meine Urgroßmutter gab sich bewusst beruhigend. Das sind bloß Trainingsmanöver, behauptete sie. Dieses Jahr wurde uns die Ausrede mit den militärischen Übungen erneut aufgetischt. Die Gegenwart stammelt und hat nur wenig Fantasie.

Bei Tagesanbruch gingen sie baden, als wäre alles wie immer. Als sie den Strand verließen, war Odessa bereits von der deutschen Armee umzingelt. Sie mussten auf der Stelle fliehen, zuerst auf dem Seeweg, dann mit dem Zug. In Dnepropetrowsk hörten sie die Leute sagen:  « Kein Grund zur Panik, die steigern nur den Druck ». Von den Einwohnern, die die Bedrohung nicht ernst nahmen, kamen später viele ums Leben. Nach einigen Monaten erreichten die beiden Frauen schließlich Moskau. Genau am nächsten Tag griffen die Deutschen die russische Hauptstadt an. Man musste Zuflucht in der U-Bahn suchen, die zum Luftschutzkeller geworden war. Genau wie heute die U-Bahn von Kiew. Was eine Zeit mit der anderen verbindet, sind die wiederkehrenden Bilder, die Zeichen, die die Körper vorausahnen.

Gäbe es eine rationale Erklärung für den mörderischen Imperialismus des russischen Präsidenten, so läge sie, glaube ich, in der Hartnäckigkeit, mit der Bilder die Menschen heimsuchen. Die Geschichte meiner Großmutter ist traumatisch: Sie besteht darauf, immer wieder weitergegeben zu werden, wenn sie schon nicht überwunden werden kann. Das Gedächtnis der sowjetischen Menschen ist voller klaffender Wunden, von unheilbaren Szenen. Indem er dieselben Bilder, dieselben Motive wiederholt, schlägt Putin bewusst mitten in dieses kollektive Trauma.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo eine eingehende Auseinandersetzung mit der NS-Zeit stattfand, hat Russland bis heute keine Dekonstruktion der eigenen Geschichte unternommen. Ein lebendiges Zeugnis dafür ist die unlängst erzwungene Auflösung der Organisation Memorial International, die sich um die Erinnerung an die Verbrechen des sowjetischen Regimes sorgte. Heute führt Putin einen Krieg, den er verbietet beim Namen zu nennen. Er versucht, ein Volk auszulöschen, eine Kultur auszulöschen, er versucht die Erinnerung an dieses Volk und an diese Kultur auszulöschen.

Wenn ein Trauma nicht geheilt wurde, wiederholt es sich. Es ist ein endloser Kreislauf und jeder Psychologe kann bestätigen: Historische Gewalt gehorcht denselben Schemata wie häusliche Gewalt. Putins kriegslustiger Rede zufolge wäre Russland eine missachtete Mutter, deren Liebe von ihrem undankbaren Kind verschmäht würde. Tatsächlich wird sie aber von einem illegitimen, machtbesessenen Vater mundtot gemacht, der ihr das Recht zu gehen verweigert. Was sich ihm entzieht, wird von ihm vergewaltigt oder getötet.

Der russische Präsident benimmt sich wie ein besitzergreifender, eifersüchtiger Geliebter, der einen Femizid begeht. Paranoid wie viele vom sowjetischen System geprägte Bürger, auf dem Kriegspfad gegen seine äußeren aber auch inneren Feinde, zerstört er heute alles, was daran erinnert, das der Andere ein Anderer ist. Und instrumentalisiert die Vergangenheit, um die Gegenwart unter ihr zu erdrücken, wie unter einem Panzer.

Marina Skalova (c) Michaela Di Savino

Marina Skalova wurde 1988 in Moskau geboren und wuchs zwischen Russland, Frankreich und Deutschland auf. Sie ist Autorin, literarische Übersetzerin (u. a. von Katja Brunner und Thomas Köck) und Dramaturgin. Ihre Texte bewegen sich im Grenzbereich zwischen Lyrik, Theater und experimenteller Prosa. In der Spielzeit 2017-18 war sie als Hausautorin und -dramaturgin am Genfer Théâtre POCHE/GVE tätig, für das sie den Theatertext «Der Sturz der Kometen und der Kosmonauten» schrieb. Sie lebt in Genf.

 

Der vorliegende Text erschien ursprünglich auf Französisch in der Schweizer Tageszeitung Le Temps.

Übersetzung aus dem Französischen: Frank Weigand