Paula Perschke Dialog, Vernetzung und Allianzen – Der 1. Tag des Online-Symposiums zur Theaterübersetzung Primeurs PLUS

Den Text in Szene setzen (c) Eric Schwarz

Mit dem Wunsch, sich im digitalen Raum mit anderen Theaterübersetzer:innen, Dramaturg:innen, Verlagsleiter:innen und Netzwerker:innen über die vielseitigen Bereiche der Theaterübersetzung auszutauschen, kamen bereits am ersten Tag des vom Saarländischen Staatstheater organisierten Online-Symposiums «Primeurs PLUS» zahlreiche Interessierte zusammen. Durch den Tag führte Schauspieldramaturgin Bettina Schuster-Gäb. Altbekannte und auch neue Gesichter ergriffen die seltene Gelegenheit, sich über Engagement und persönliche Erfahrungen auszutauschen. Getreu dem Tagesthema: «Kooperativ sein: Neue Wege der künstlerischen Zusammenarbeit» wurden alte wie neue Probleme benannt und Ideen für mehr Sichtbarkeit von Theaterübersetzer:innen und ihrer Arbeit formuliert.

Schnell zeigte sich, dass nicht nur die Sprache im ständigen Wandel ist, die Arbeit der Übersetzer:innen, Autor:innen und Theaterschaffenden sowie ihr Blick auf Theater sind es auch. Nur der gute alte Stadt- und Staatstheaterapparat hinkt mal wieder hinterher. Woran liegt das? Warum werden Übersetzer:innen so selten in künstlerische Prozesse mit eingebunden?Welchen Platz hat die internationale Gegenwartsdramatik auf den Spielplänen deutschsprachiger Theaterhäuser? Und wie sieht es bei den angrenzenden Bereichen, wie Regie, Theaterwissenschaften oder bei der Hörspielproduktion aus?

 

Einzelkämpferin (c) Eric Schwarz

Solidargemeinschaften statt Vereinzelung

Dass sie nicht nur Dienstleister:innen für Theater sein wollen, konstatierten die Dramaturginnen und Lektorinnen Dorothea Lautenschläger und Sabine Westermaier gleich zu Beginn. 2018 gründeten sie in Berlin die «rua. Kooperative für Text und Regie«, die sich als offener Zusammenschluss von und für Theaterschaffende versteht. In einer ersten Keynote stellten die beiden ihre Arbeit und Visionen vor: Schluss mit dem Einzelkämpfer:innen-Sein und stattdessen im ständigen Austausch neue Wege des Theatermachens beschreiten. Innovativ und mit einem solidarischen Grundgedanken fordern sie alle Interessierten dazu auf, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen.

«Die Konsequenz der Vereinzelung ist, dass unsere Arbeit gering geschätzt und schlechter bezahlt wird. Deshalb dürfen wir uns nicht nur über Inhalte, sondern müssen uns auch über Strukturen austauschen», mahnte Lautenschläger, die sich nicht nur für Sichtbarkeit von Theaterschaffenden einsetzt, sondern neben vielen anderen Tätigkeiten auch als Produktionsleiterin des Podcasts «Überübersetzen» aktiv ist. Lautenschläger blickt als ausbildete Regisseurin anders auf Theater als ihre Kollegin, die langjährige Dramaturgin und Lektorin Westermaier. Das Gemeinsame jedoch ist das Interesse am dramatischen Text. Dieser steht im Zentrum, somit sollte es auch einen regeren Austausch mit den Übersetzer:innen geben.

Eine Ursache des Problems liegt, wie so oft in der Theaterökonomie. Früher wurde mehr produziert. Außerdem wird «der Slot für klassische Stücke immer kleiner, es gibt einen Uraufführungsboom. Gleichzeitig schaffen es immer weniger Stücke, nachgespielt zu werden», so Westermaier. Eine andere Ursache liege außerdem in der Verkaufsstruktur, darin, dass ein Verlag versucht, einem Theater Stücke zu verkaufen, das wiederum eine Regie mit dem Stück beauftragt. Laut Westermaier sei dieses starre Dreieck wenig fluide.

Deshalb will die rua. Kooperative nicht nur Einzelkünstler:innen vertreten, sondern Regisseur:innen, Dramaturg:innen, Dramatiker:innen und Übersetzer:innen zusammenbringen. Neben den regelmäßigen Vernetzungstreffen sollen Theaterschaffende inhaltlich und künstlerisch begleitet werden. Ob bei Gagenverhandlungen oder als Berater:innen in Probenprozessen: Keine Aufgabe muss allein bewältigt werden – so die Devise. Dazu gehört, gemeinsam Strategien für eine erfolgreiche Positionierung auf dem Theatermarkt zu entwickeln. Außerdem sei der Wunsch, eine erweiterte freie Dramaturgie etablieren, in der zusammen Stücke und Premieren besucht werden. Dafür braucht es Zeit, Vertrauen und Geduld.

 

Übersetzen ist Dialog (c) Eric Schwarz

Lebendige Archive gestalten

Mit «PLATEFORME – Archiv und Magazin für Theaterübersetzung aus dem Französischen» stellte Initiator Frank Weigand mit seinen Kolleg:innen Franziska Baur, Ela zum Winkel und Mira Lina Simon im zweiten Teil der Tagung die neue Webseite des Projektes vor. Abwechselnd berichteten sie von der Notwendigkeit eines Archivs für Theaterübersetzung, gaben Einblicke in die Webseitenstatistik und führten die Teilnehmer:innen via Bildschirmteilung durch die neue Seite. Das Besondere an PLATEFORME ist die Verschränkung von Archiv und Magazin. Im Magazin sollen künftig Hintergrundinformationen und aktuelle Debatten aufgegriffen, Übersetzer:innen vorgestellt und ein Raum für Neuigkeiten geschaffen werden. Von dem Projekt überzeugt werden musste scheinbar niemand, im Chat hagelte es Glückwünsche und Beifall durch die Teilnehmer:innen.

PLATEFORME versteht sich nicht bloß als Archiv und Magazin, sondern macht sich für Theaterübersetzer:innen und ihre Arbeiten stark. «Das Problem ist», so Weigand, «dass Theaterübersetzer:in kein Beruf ist, mit dem man berühmt wird. Es gibt kein Studium, keine Ausbildung und demnach keine Lobby, die hinter einem steht.» Das Team hat in den letzten sechs Monaten unermüdlich nach Stücken recherchiert, außerdem wurden Hörfunk- und Theaterverlage kontaktiert, um Kontakte zu Übersetzer:innen zu bekommen – nicht immer mit Erfolg. «Streng genommen sind Theaterverlage Agenturen, sie publizieren nicht, sie kaufen und verkaufen. Ein Text der nicht vertreten wird, geht verloren», so Weigand. Wieder ist es die Verkaufsstruktur.

Doch um die Zukunft zu ändern, muss man auch die Anfänge verstehen. Ein lebendiges Theaterarchiv ist wichtig für nachfolgende Übersetzer:innengenerationen, damit diese nicht immer wieder von vorn anfangen müssen. Zahlreiche Übersetzer:innen sind in die Prosa abgewandert. Von den 162 Übersetzer:innen, die bisher in der Datenbank eingetragen sind, haben 50 % gerade mal ein Stück übersetzt. Nur 5 % der Beteiligten sind unter 40 Jahre alt. Da stellt sich berechtigterweise die Frage nach dem Nachwuchs, gerade heute, wo Sprache und ihre Wandlung immer wichtiger werden. Denken wir nur an diskriminierungssensible oder gendergerechte Sprachreformen.

Die Archivarbeit begreift sich als lebendiger Prozess und soll helfen, Lücken zu schließen oder das Interesse wecken, nachzuforschen und sich intensiver mit der Geschichte der Theaterübersetzung zu beschäftigen. Viele Biografien sind unvollständig, auch gibt es Übersetzer:innen, die nach einem Erfolg plötzlich aufgehört haben. Warum? Noch einmal: Je mehr wir forschen, desto mehr werden wir erfahren und desto mehr können wir die Zukunft ändern. Ein revolutionärer Gedanke!

 

Der unsichtbare Übersetzer (c) Eric Schwarz

Sichtbare Unterschiede

Unter dem Titel «Sichtbarkeit von Übersetzer:innen» sprach Frank Weigand anschließend mit Dorothea Lautenschläger (rua. Kooperative) und Dirk Olaf Hanke (Drei Masken Verlag München) vor allem über die Unsichtbarkeit von Theaterübersetzer:innen. Auch hier deutet vieles darauf hin, dass sich das Theater im ständigen Wandel befindet und auch das Berufsbild der Dramaturgie komplexer geworden ist. «Dramaturg:innen müssen heute viel mehr leisten. Früher wurde weniger produziert, also wurden auch Dramaturg:innen und Übersetzer:innen viel stärker in Produktionsprozesse einbezogen», stellt Hanke fest. Er ist Leiter des «Drei Masken Verlags» in München und hat davor über dreißig Jahre lang  im Stadttheaterbetrieb gearbeitet. Ein anderes Problem sei die schlechte Bezahlung an den Theaterhäusern, da bliebe möglicherweise kein Geld mehr, um Übersetzer:innen miteinzubeziehen. Überhaupt sollte nicht vergessen werden, dass Übersetzer:innen freiberuflich arbeiten und aufgrund von ständiger Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit ohnehin oft schon viel mehr unbezahlte Arbeit machen, als sie sich eigentlich leisten können. Außerdem entwickeln sich laut Hanke neue Begriffe von Autor:innenschaft. So sind Regisseur:innen oft zeitgleich Autor:innen oder bezeichnen sich bereits bei kleinsten Textänderungen als Co-Autor:innen. Für die Stückübersetzung ist das der Todesstoß.

Eine weitaus persönlichere, auf Erfahrungen und Erleben basierende Gesprächsrunde fand im vierten und letzten Teil des Tages unter dem Titel «Verhältnis Übersetzung – Bühne/ Hörspiel»  zwischen Juliane Schmidt (rbb Hörspiel), Sébastien Jacobi (Schauspieler Staatstheater Saarbrücken) und Leyla-Claire Rabih (Übersetzerin und Regisseurin), die das Gespräch moderierte, statt.

Neben dem eigenen Verhältnis zum Theater werden Unterschiede zwischen deutscher und französischer Sprache deutlich gemacht: «Wenn ein Stück schlecht übersetzt wird, dann ist es tot. In Frankreich ist Theater heilig – in Deutschland ist es Handlung», beschreibt Leyla-Claire Rabih. Sébastien Jacobi, der mit «Gabriel» von George Sand sein erstes Stück übersetzt hat, ergänzt: «Im Deutschen heißt es Regie führen und im Französischen heißt es Mise en scène – etwas in Szene setzen.» Oder im Peter Brookschen Sinne: Sprache in einen Raum setzen.

 

Kreativer Austausch (c) Eric Schwarz

Am Ende des Tages war längst nicht alles gesagt, aber einiges ausgesprochen. Neue Themenfelder wurden angestoßen, wie zum Beispiel unser Blick auf Sprache. Wie werden Texte übersetzt, die in einer anderen Zeit spielen bzw. gewaltvolle oder rassistische Sprache reproduzieren (wie etwa Bernard-Marie Koltès, um gleich ein Beispiel zu nennen)?
Eine Frage, die sich ausblickend stellt, ist die der Theaterökonomie und des Warentausches. Lässt sich eine Struktur wirklich verändern, wenn sie innerhalb ihrer eigenen Logik bearbeitet wird? Muss nicht erst das ganze Theatersystem crashen, bevor neue Arbeitsbedingungen geschaffen werden können und Unsichtbare nachhaltig sichtbar werden?
Was an diesem Tag deutlich wurde, war der gemeinsame Wunsch, ja die Forderung nach Dialog, Vernetzung und Allianzen. Netzwerke wie die rua. Kooperative oder ein dynamisches Theaterübersetzungsarchiv sind schon mal ein guter Anfang!

Paula J. Perschke beschäftigt sich aus systemkritischer und queerfeministischer Perspektive mit Theater, Literatur und Musik. Sie schreibt als freie Autorin u. a. für Theater der Zeit, Missy Magazine, L.MAG und das Berliner Stadtmagazin Siegessäule.

Eric Schwarz ist selbstständiger Illustrator und Comic-Autor. Seine Spezialität ist grafisches Storytelling.