Yasmine Salimi über „Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué Der Raum zwischen den Grenzen des Denkens

Rabih Mroué und Lina Majdalanie in der Performance «Four Walls and a Roof» (Foto: Christophe Berlet)

Was passiert, wenn Kunst danach beurteilt und verurteilt wird, was politisch zulässig ist – aus der Perspektive von Politiker*innen? Diese Frage ist heute in Berlin Teil künstlerischer Schaffensprozesse, Schlagzeilen und Skandale. Es ist daher ein starkes und wichtiges Zeichen, dass der Berliner Theaterpreis 2026 an Lina Majdalanie und Rabih Mroué geht. Das Performance-Duo, das aus dem Libanon stammt, arbeitet mit großer Selbstverständlichkeit transnational und ist etablierter Teil der deutschen Performanceszene. In ihrer Arbeit «Four Walls and a Roof», die im Juni 2025 und März 2026 am HAU Berlin zu sehen war, blicken die beiden auf Bertolt Brechts US-amerikanisches Exil. Die dokumentarische Spurensuche ist zugleich eine subjektive und zeitgemäße Untersuchung enger werdender Denkräume.

 

 

(von Yasmine Salimi)

 

 

Rabih Mroué stellt den Tisch vorne auf die Bühne. Klappe, Lichtwechsel: Damit steht die Bühne des Gerichts. Der Tisch markiert ein Davor und ein Dahinter – er ermöglicht, vor das Gericht zu treten. Oder eher vor den Untersuchungsausschuss, denn dies ist eigentlich kein Gericht, sondern ein Hearing. Eine Anhörung, bei der man den Verhörten nicht hört. Auch wenn die erste Aufforderung lautet, ins Mikro zu sprechen: die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – ein weiteres Ritual, das die Befragung einleitet. Tisch und Mikrofon gehören zu den «Medien der Rechtsprechung»,[1] die kanalisieren, was «Sache» ist, welche Akten hier liegen und welche Fragen und Antworten zulässig sind[2].

In dieser Anordnung erscheint die Person Bertolt Brecht über die Konturen der Personalien, die der von Rabih Mroué dargestellte Untersuchungsleiter abfragt und wiedergibt. Ist Ihr Geburtsjahr 1898 oder 1888? Haben Sie in Helsinki einen Antrag zur Einreise in die Vereinigten Staaten gestellt? Haben Sie je der Kommunistischen Partei angehört? Wer hat Sie eingeladen, sich der Kommunistischen Partei anzuschließen? Ist Ihr Theaterstück «Die Maßnahme» kommunistisch, antikommunistisch oder neutral? Wie lautet die richtige Übersetzung des Stücktitels? » The Decision? Could it mean disciplinary measures?» – «No, not disciplinary measures; no. It means measures to be taken [3].»

Der Dolmetscher Baumgardt, dargestellt von Lina Majdalanie, wird auch zu literarischen Beweisdokumenten für die kommunistischen Umtriebe Brechts befragt. In dieser Anhörung vor dem HUAC (House Un-American Activities Committee) geht es viel um Geschriebenes. So auch um ein Interview Tretjakows mit Brecht, wonach dieser ein Theater eröffnen wollte, das Gerichtsprozesse nachspielt – in den 1920er und 30er Jahren durchaus ein beliebter Stoff in Moskau und Berlin.

 

Lina Majdalanie in «Four Walls and a Roof» (Foto: Christophe Berlet)

Diese Befragung Brechts ist die Urszene, von der aus das ursprünglich aus dem Libanon stammende Berliner Performance-Duo Lina Majdalanie & Rabih Mroué den Fall gleichsam auseinanderfaltet (Dramaturgie: Sandra Noeth) und nach bewährter Manier aus der Perspektive verschiedener Dokumente, Medien und persönlicher Assoziationen durchleuchtet. Was bisher nicht gehört wurde, ist Brechts eigene Stimme und seine Version der Geschichte: sein Statement, das er beim Hearing nicht vorlesen durfte. Auf der Bühne wird es nun – ganz authentisch – von Brechts KI-Stimme wiedergegeben. Dieser Eingabe ist zu entnehmen: Der aufhaltsame Aufstieg des Nationalsozialismus begann mit der Jagd auf Kunst und Kultur.

Bertolt Brecht ist 1947 gemeinsam mit 18 Künstlern aus dem Kontext der Filmindustrie Hollywoods vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen. Tatsächlich vernommen werden außer Brecht nur zehn weitere, die als «Hollywood Ten» Bekanntheit erlangen. Sie verweigern die Kooperation und stützen ihre Strategie auf das First Amendment, den ersten Zusatz der US-Verfassung, der unter anderem die politische Meinungsfreiheit schützt. Dafür wurden sie nicht nur während der Vernehmung angeschrien, wie in einem Video vorgeführt wird, sondern erhielten am Ende Gefängnis- und Geldstrafen wegen «Contempt of Congress». Brecht reflektiert das Schicksal seiner Mitangeklagten in seinem Text «Wir Neunzehn» [4]. Die Verfassung sollte sie schützen, doch wer schützt die Verfassung? Weiter ließe sich fragen: Verletzt die Verfassung etwa die Würde des Parlaments? Brecht war kein US-Staatsbürger, daher berief er sich nicht auf das First Amendment. Er verweigerte somit als einziger nicht die Aussage, hatte aber schon ein Ticket nach Paris in der Tasche.

Auch über Freispruch und Verurteilung hinaus stellt Brecht eine «Cold Execution» durch faktische Arbeitsverbote fest: «Diese kalte Hinrichtung wird von der Industrie vollzogen; der Delinquent wird nicht des Lebens, nur der Mittel zum Leben beraubt […]» [5]. Die Performer*innen projizieren die Fotos der 19 Betroffenen auf die große Leinwand. Und berichten von der Pseudo-Personenerkennung einiger von ihnen (wäre das mit KI besser gelaufen?): Hat dieser mutmaßliche Genosse nicht Ähnlichkeit mit Lenin? Und ist dieser eigentlich ein Nazi? Jüdische Menschen, die des Antisemitismus verdächtigt werden. Sie sollen nur vor sich selbst geschützt werden.

Wie heute in Kunst und Kultur, in Deutschland: Die Liste der Ausladungen und Anfeindungen ist lang – und sie treffen häufig jüdische und arabische, migrantische und rassifizierte Menschen, die das von Deutschland unterstützte Morden in Gaza anprangern. Lina und Rabih, die viel mit ihren Stücken reisen, werden in letzter Zeit auf beiden Seiten des Mittelmeers nach Zensur gefragt.

Rabih Mroué und Lina Majdalanie in «Four Walls and a Roof» (Foto: Christophe Berlet)

Also was tun, fragen die beiden Performer*innen sich: Besser gar keine Kunst mehr machen? Besser gar nichts mehr sagen? Jetzt sitzen sie einfach nebeneinander auf dem Klavierhocker und schweigen. Durch diese Verweigerung der grundlegenden Vereinbarung des Theaters, dem Publikum etwas zu bieten, ist nur noch ihre bloße Präsenz und die Ko-Präsenz mit dem Publikum zu erleben. Und die Spannung, die daraus erwächst, weil sie das theatrale Verhältnis zwischen Bühne und Saal herausfordert: Bin ich in meiner Rolle als Zuschauerin aufgefordert, zu reagieren? Einige tun es: «Bitte sprecht weiter!»

Schließlich bricht Lina das Verstummen, wendet sich an Rabih: Was bringt das Schweigen, wenn das Denken nicht aufhört? «I can’t stop myself thinking.» Das ist die große Stärke dieses Abends. Er erlaubt den Gang des Denkens, den eine staatsräsonnierende Gedenkkultur lieber abschneiden will. Um das Erinnern in museale Rahmen und Nationalkonstrukte zu pressen. Und die Kunst dem Verfassungsschutz zu überlassen, der Künstler*innen davor schützen soll, Falsches zu verfassen. Hier hingegen heißt Denken, Bezüge zu ziehen, in Beziehung zu treten. Nicht ohne «comic relief», mit Humor als Ventil. Das ermöglicht ein Erinnern durch Präsenz und Vergegenwärtigung.

Ein zentraler Teil dieser dokumentarischen Performance kreist nahezu obsessiv um zwei Fotos von Bertolt Brecht, von denen nur eines gezeigt werden darf (die Strenge der Brecht-Erb*innen ist in Theaterkreisen bekannt). Die Bilder zeigen jeweils den Moment vor der Abreise aus Deutschland und den USA. 1933 hatte die Polizei die Aufführung von Brechts «Maßnahme» verboten. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand verlässt Brecht Berlin, bevor auch seine Bücher verbrannt und verboten werden. Er lässt sich von Ruth Berlau an seinem Berliner Schreibtisch ablichten, auf der Rückseite des Bilds hat er notiert: «Die Kisten sind gepackt.»

Brecht-Fotos aus der Performance «Four Walls and a Roof» von Lina Majdalanie und Rabih Mroué (Foto: Christophe Berlet)

In den USA lässt er ein ähnliches Foto von sich machen, unter dieses Bild von Elisabeth Hauptmann schreibt er: «Die Koffer sind gepackt.» Lina und Rabih fragen sich und ihr Publikum: Warum hat er gerade diese beiden Momente so festhalten? Warum das Arbeitszimmer, die zur Seite gerichtete Sitz- und Blickhaltung? Die Pfeife, die Zigarre – sich Zeit nehmen, die man nicht hat? Warum Kisten und warum Koffer? Was heißt es, zu gehen – ins Exil, und dieses Exil wieder zu verlassen? Weil Brecht das Denken, Schreiben in diesen Momenten zur Gefahr wurde, weil er nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sein wollte, so unterschiedlich die Kontexte in Nazi-Deutschland und den USA auch waren. Es geht dieser Performance nie um Gleichmacherei, eher lassen sich durch die Querbezüge auch die Besonderheiten der jeweiligen Kontexte herausstellen.

Den Zauber von Brechts eigener Sprache, vertont von Hanns Eisler, gibt Henrik Kairies im Laufe der Performance mit Flügel und Gesang wieder. Währenddessen werden die englischen Übersetzungen projiziert, ohne dass die Namen der Übersetzer*innen, der Prozess der Übersetzung selbst sichtbar werden. Wir hören etwa das Solidaritätslied. Oder die Kinderhymne:

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein. [6]

Die deutsche Staatsangehörigkeit wurde Brecht 1935 aberkannt, er war staatenlos. In den USA musste er sich als «Enemy Alien» registrieren. Die «Kinderhymne» schrieb er 1950, als er nach vielen Jahren und Stationen im Ausland nach Ost-Berlin zurückgekehrt war und noch keine Erlaubnis hatte, in den Westen einzureisen. Sie ist eine Erwiderung auf die Hymnen beider deutschen Staaten.

Das Performance-Duo Rabih Mroué und Lina Majdalanie (Foto: Bobby Rogers)

Lina und Rabih zeigen den Ausweis eines palästinensischen Freundes. Sie erzählen von dessen absurder Erfahrung mit den sinnfreien Zeichen, die darin anstelle eines Herkunftslandes vermerkt sind, das nicht existieren darf. Was bedeutet Heimat? Home. Patrie. وطن. Watan. Das heißt in jeder Sprache etwas anderes, aber in jedem Fall mehr als vier Wände und ein Dach. Der emblematische Hausschlüssel der palästinensischen Diaspora symbolisiert den Verlust von Heimat, die Hoffnung auf Rückkehr.

In dieser Performance öffnen sich die Dimensionen immer wieder mannigfaltig ins Jetzt. Bis selbst Traum und Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft als unheimliches Echo von den Wänden hallen.

 

[1] Vgl. Vismann, Cornelia: Medien der Rechtsprechung, hrsg. v. Alexandra Kemmerer u. Markus Krajewski, S. Fischer Verlag: Frankfurt a.M. 2011, hier S. 167: «Der Tisch vollzieht eine vertikale ebenso wie eine horizontale Differenzierung. So wie er die Personen davor und dahinter unterscheidet, trennt er die Dinge, die auf dem Tisch liegen, von denen, die unter den Tisch fallen.»

[2] Dies lässt sich ausführlicher in Cornelia Vismanns «Medien der Rechtsprechung» nachlesen (s.o.). Die Bedeutung von Mikrofonanlagen im Gerichtskontext hat Johannes-Imaiel Wendt am Beispiel des sogenannten NSU-Prozesses auf eindrückliche Weise deutlich gemacht. – Vgl. Ismaiel-Wendt, Johannes Salim: Richt-Mikrofone. Gutachten zu Fragen möglicher «sonorischer Segregation» im sogenannten NSU-Prozess. – In: Zeitschrift für Medienwissenschaft 18, Jg. 10, Heft 1/2018: Medienökonomien, transcript: Bielefeld 2018, S. 169-183.

[3] From the Testimony of Berthold Brecht. – In: Demetz, Peter (Hrsg.): Brecht. A Collection of Critical Essays, Prentice-Hall: Englewood Cliffs 1962, S. 30-42, hier S. 34.

[4] Vgl. Brecht, Bertolt: Wir Neunzehn. – In: Ders.: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 23, Schriften 3. 1942-1956, Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1993, S. 123-125.

[5] Brecht, Bertolt: Wir Neunzehn. – In: Ders.: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 23, Schriften 3. 1942-1956, Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1993, S. 123-125, hier S. 24.

[6] Brecht, Bertolt: Kinderhymne. – In: Ders.: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 12, Gedichte 2. Sammlungen 1938-1956, Aufbau-Verlag: Berlin/Weimar 1988, S. 294f, hier S. 294.


Am 2. Mai 2026 werden Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des Berliner Theatertreffens mit dem mit 20.000 Euro dotierten Theaterpreis Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung für ihr international wegweisendes künstlerisches Schaffen geehrt.


 

Die Dramaturgin, Übersetzerin und Doktorandin Yasmine Salimi (Foto: Manufaktor)

Yasmine Salimi, geboren 1986 in Köln, ist Übersetzerin, Dramaturgin und Doktorandin.
Sie hat verschiedene Theaterstücke aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Sie ist in unterschiedlichen Kontexten als freie Dramaturgin tätig und Teil des Berliner Figurentheaterkollektivs manufaktor. Zuletzt war sie auch für das internationale Festival Theater der Dinge an der Schaubude Berlin tätig. Sie hat zuvor u. a. als Co-Projektleitung des ersten Jahrgangs der Akademie Kunst und Begegnungen vom Bündnis internationaler Produktionshäuser gearbeitet, war Teil des migrantischen Berliner Kollektivs gastkollektiv und war mehrere Jahre lang am Ballhaus Naunynstraße Berlin in der Dramaturgie tätig. Außerdem promoviert sie über Theatertribunale. Zuvor absolvierte sie den B.A. «Deutsch-Französische Studien» an den Universitäten Bonn und Paris-Sorbonne und schloss ihr Magistrastudium in Germanistik, Französisch und Philosophie an der Universität zu Köln ab. Aktuell lebt sie in Berlin.

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