Ein Interview mit der Regisseurin Sarah Kurze zu ihrer aktuellen Inszenierung von David Paquets „Feuersturm“ Detektivarbeit

Die Feuersturm-Drillinge: Claudette (Sebastian Haase), Claudine (Kristina Lotta Kahlert) und Claudie (Sabine Martin) (Foto: Ilja Mess)

Frank Weigand: Sarah, du feierst demnächst Premiere mit der Deutschsprachigen Erstaufführung von David Paquets «Feuersturm«, das ich übersetzt habe. Im Original heißt es «Le Brasier». Wie kam es dazu, dass du dieses Stück in Konstanz inszeniert hast?

Sarah Kurze: Das hat eine kleine pandemische Vorgeschichte, denn ich hatte eigentlich schon mit dem Theater Konstanz geklärt, dass ich ein ganz anderes Stück machen sollte. «Feuersturm» sollte dort zwar gezeigt werden, aber nicht in meiner Regie. Aber dann wurde durch den ersten Lockdown das Stück, das wir eigentlich mit dem Team zusammen machen wollten, nicht nur verschoben, sondern gleich gestrichen, weil klar war, dass es nicht mehr in der laufenden Spielzeit untergebracht werden konnte. Ich war natürlich sehr traurig, doch auf einmal rief mich die Intendantin Karin Becker an und fragte mich, ob ich nicht mal kurz über Nacht «Feuersturm» lesen könne. Das war spannend, denn ich war zu diesem Zeitpunkt gerade in den Endproben mit einer Zoom-Produktion, und eigentlich war mein Kopf ganz woanders und dann dachte ich: Ja gut, heute Nacht kriegst Du das schon irgendwie noch hin und hab mich hingesetzt und habe es gelesen und war tatsächlich wahnsinnig begeistert.

 

Was hat dir an dem Stück so gefallen?

Ich habe mit dem Lesen begonnen und dachte, okay, das ist eine sehr komische Alltagssprache und trotzdem auch nicht wirklich alltäglich. Zu Anfang war ich noch nicht wahnsinnig interessiert, aber das kam Schritt für Schritt, von Kapitel zu Kapitel. Wie Wellen, die mich immer mehr und mehr eingesogen haben. Ich finde, das Stück hat einen unfassbaren Sog, vor allem dadurch, dass es wahnsinnig viele Geheimnisse gibt, nicht nur von den Figuren her, sondern auch in der ganzen Struktur. Also fühlte ich mich wie eine Detektivin und war immer mehr überrollt und überwältigt von dem Text. Und dann hatte ich auch das Gefühl, dass er emotional immer größer wurde. Ich glaube, das hatte ich so nie, wenn ich einen Theatertext gelesen hab, dass mich der so gepackt hat.

 

Für diejenigen unter unseren Leser:innen, die das Stück nicht kennen – wie würdest Du es beschreiben?

Wenn ich nicht zu viel verraten möchte, beschreibe ich es immer so, dass es drei Geschichten sind, die in einer Art Abfolge miteinander zu tun haben und dass darin irgendwie alles immer mit allem zusammenhängt. Jede Reaktion, jede Emotion, alles hat etwas mit etwas anderem zu tun. Das ist jetzt wahnsinnig verallgemeinert, aber das spielt eine große Rolle, finde ich. Es geht auch um Geheimnisse, die verschwiegen werden, die aber trotzdem immer wieder hochkommen. Diese Geheimnisse werden in unterschiedlichen Symboliken und Metaphern immer wieder aufgegriffen, so dass trotzdem eine Art Einheit aus allen drei Geschichten entsteht.

 

Für mich ist das jetzt das vierte Stück von David Paquet, das ich übersetzt habe. Meist geht es bei ihm um ganz schlimme, heftige, tragische Dinge. Aber er schafft es immer wieder, das mit einer sehr merkwürdigen, leichten, abgedrehten Komik zu verbinden. Seine Texte leben also von einem ganz eigentümlichen Gleichgewicht. Beim Übersetzen darf man nicht zu sehr draufdrücken, denn sonst fallen sie einfach in die eine oder in die andere Richtung. Ist das beim Inszenieren ähnlich? Gibt es Probleme, so einen Text zu inszenieren, weil man ja tatsächlich interpretatorisch eingreifen muss?

Bereits nach der ersten Leseprobe war klar: Dieser Text hat eigentlich alles in sich, also muss man gar nicht so viel machen, um da irgendetwas rauszuholen. Wir haben erst mal sehr viel über alle unterschiedlichen Symbole und Metaphern gesprochen. Wie Detektive. Als wir dann angefangen haben, hatte ich schon das Gefühl, irgendwie müssen wir einerseits detailverliebt sein, und nichtsdestotrotz dürfen wir auch nicht zu viel machen. Es ist vielleicht ähnlich, wie du das gerade für das Übersetzen beschrieben hast: Irgendwie muss man sich total darin verlieben und auch verlieren. Ich fand das aber nicht schwer, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler das schnell begriffen haben. Prinzipiell bin ich gar nicht so eine Freundin von vielen kleinen festgelegten Details. Aber hier haben wir mit dem Wiederkehren von Details gespielt, auch in Bezug auf die Spielweise. Die Schauspieler:innen haben zum Beispiel ganz viel über Blicke gelöst, ohne große Aktionen zu machen, ohne dass wir dadurch noch etwas zusätzlich bebildern wollten.

Kristina Lotta Kahlert als Caroline (Foto: Ilja Mess)

Hat es für die Arbeit am Text eine Rolle gespielt, dass du wusstest, dass er nicht auf Deutsch geschrieben ist? Er ist ja meine Neuerfindung dieses québec-französischen Textes auf Deutsch. Vertraut man einem übersetzten Text weniger als einem Original?

Es gab nur zwei Stellen, wo ich Fragen hatte. Aber ich muss vielleicht dazu sagen, ich habe den Text zuerst auf Englisch gelesen. Ich habe tatsächlich gar nicht den deutschen Text als Erstes bekommen, sondern die englische Übersetzung. Ich glaube, das hat auch ein bisschen was gemacht mit meinem ersten Leseeindruck.

 

Das ist eine interessante Sache. Der englische Text von Leanna Brodie ist ja die Übersetzung des französischsprachigen Textes für ein anglokanadisches Publikum. Ihr Text ist ein bisschen cleaner und ein bisschen weniger barock als das Original, und ich glaube, meine deutsche Fassung ist wieder ein bisschen barocker als die englische.

Das kann sein. Am Anfang, als du zur Hälfte übersetzt hattest, habe ich dann die Hälfte Deutsch und die Hälfte Französisch bekommen, und dann habe ich nochmal die französische gelesen und dann erst die deutsche. Das hat mich einfach interessiert. Mein Französisch ist bei weitem nicht so gut, dass ich behaupten könnte, ich hätte darüber irgendwas überprüfen können oder so. Ich wollte eigentlich nur ein Gefühl für die Sprache, also für einen Klang bekommen. Aber Misstrauen hatte niemand von uns. Ich glaube, es gab zwei Stellen, wo wir uns unsicher waren. Da haben wir während der Proben nochmal nachgeguckt, um sie richtig zu verstehen, aber das war kein Misstrauen. Wir haben uns eher gefragt, inwieweit sich die Symbolik in den drei Geschichten unterscheidet. Der englische Text hatte einen anderen Klang, aber ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, das so enorm miteinander zu vergleichen, weil alle Texte ihre Logik hatten. So wie auch die drei Geschichten innerhalb des Stück miteinander zusammenhängen aber immer jeweils eine eigene Welt darstellen.

 

Aus Übersetzerperspektive ist das großartig. Eine derart vergleichende Textarbeit kommt selten vor. Oft wird einfach das Skript genommen und damit irgendwas gemacht. Ganz oft sind die Produktionszwänge am Theater so, dass für so etwas gar nicht so viel Zeit bleibt. Trotz allem: Gab es denn keine Stellen, wo ihr den Autor gern selbst gefragt hättet?

Das ist gut, dass du das ansprichst. Obwohl es den Kontakt zu dir hätte geben können, gab es ihn ja leider nicht. Einerseits habe ich gedacht, das ist ja auch ein schönes Rätselraten, und vielleicht will ich die Fragen, die ich habe, gar nicht alle beantwortet bekommen. Andererseits habe ich im gleichen Jahr eine Produktion gemacht, die in Kooperation mit einer Autorin entstanden ist, mit Nele Stuhler. Und da habe ich es wahnsinnig genossen, dass sie da war, also wir haben sehr viel im Austausch gearbeitet. Natürlich gab es eine Phase, wo wir uns dann kurz voneinander trennen mussten, weil wir dann «geputzt» haben, und sie hat dann gespannt gewartet. Aber sie ist dann auch zu den Endproben gekommen und hat am Anfang auch noch etwas zum Text aus ihrer Perspektive so gesagt, und so etwas ist natürlich wertvoll. Und jetzt, wo du die Frage gestellt hast, finde ich es eher schade, dass dieser Kontakt gar nicht stattgefunden hat.

Das skurrile Liebespaar Carole (Sabine Martin) und Clément (Sebastian Haase) (Foto: Ilja Mess)

Das liegt, glaube ich, auch im System des deutschen Stadttheaters bedingt, dass man trotz allem nicht wirklich daran denkt, dass da ein Kontakt möglich wäre. In Kanada ist das zum Beispiel umgekehrt, da werden für Übersetzungen extra Workshops mit Autor:in und Team veranstaltet, weil die Übersetzung eben spezifisch für die Inszenierung entsteht. Aber das ist eine andere Art zu arbeiten, da wird zum Beispiel auch nicht gestrichen.

Das haben wir auch nicht gemacht.

 

Das ist ja unglaublich! Dabei erkläre ich immer meinen ausländischen Autor:innen: Es kommt nicht so häufig vor, dass der gesamte Text in Deutschland in der Form zu sehen sein wird, wie du ihn geschrieben hast…

Ja, ich muss schon sagen, ich habe bisher auch viel mit Texten gearbeitet, dass ich gerne gestrichen habe, wenn ich das Gefühl hatte, das ist hilfreich. Es ging auch immer darum, mir den Text zu erarbeiten. Aber bei «Feuersturm» hatte ich überhaupt nicht das Gefühl. Ich glaube, es gibt zwei kleine Mini-Striche, weil uns da die Stellen ein bisschen zu cheesy (kitschig, Anm. d. Red.) vorkamen. Aber ansonsten hatten wir alle auch gar nicht das Bedürfnis danach. Das ist alles viel zu stimmig und zu detailverliebt. Wo hätte man denn da eingreifen sollen?

 

Vor diesem Gespräch hast du mir erzählt, dass das keine neue Inszenierung ist, sondern tatsächlich so eine «Pandemie-Altlast». Dass die Produktion eigentlich schon vor zwei Jahren begonnen hat, aber dann eben nicht auf die Bühne konnte. Ursprünglich wollte ich dich fragen, was diesen Text für dich relevant macht. Jetzt möchte ich dich fragen, ob der Text jetzt vielleicht anders relevant ist als damals, als du angefangen hast.

Die Frage habe ich mir auch gestellt. Genau vor zwei Jahren haben wir erstmals an dem Text gearbeitet. Und weil ich zu dem Zeitpunkt ganz konkret die ganze Zeit alleine zu Hause saß, und zwar an der Produktion zusammen mit Menschen gearbeitet habe, aber als einzige in unserem Produktionsteam immer alleine war, genau deswegen ist zu dem Zeitpunkt ganz stark, das Gefühl von Einsamkeit aufgekommen. Und auch als wir angefangen haben zu proben, vor über einem Jahr, da war in Konstanz abends noch Sperrstunde. Und wir durften uns weder vor noch nach den Proben so richtig sehen, um zusammenzukommen. Ich musste auch immer eine Maske tragen. Was richtig ist, aber es macht das Kennenlernen von Leuten schwierig. Glücklicherweise haben wir das alles gut überwinden können, aber es hat das Ganze sehr besonders gemacht. Dass sich die Figuren auf der Bühne nicht berühren dürfen, wäre auch heute immer noch die richtige Entscheidung für diesen Text, glaube ich. Die Situation hat das alles noch mehr potenziert, und nichtsdestotrotz gibt ja auch andere Themen in dem Text: Also zum Beispiel das Thema, dass alles mit allem zusammenhängt. Dass wir mit jeder Reaktion, jedem Lächeln eine Auswirkung haben. Das würde ich auch politisch interpretieren. Und gleichzeitig finde im Text sehr stark das Gefühl des Versagens oder der Selbstzweifel wieder. Und Liebe ist ein riesiges Thema. Liebe zu sich selbst oder Ehrlichkeit zu sich selbst und die Ehrlichkeit zu anderen Menschen. Das sind Dinge, die mich immer noch wahnsinnig daran interessieren.

 

Bei einem fremdsprachigen Text kennt niemand den Ursprungstext so gut wie die Person, die deutsche Fassung erstellt hat, nämlich die Übersetzerin oder der Übersetzer. Trotzdem werden die kaum jemals gefragt und da gibt es irgendwie unterschiedliche Haltungen dazu. Mein Lieblingszitat statt aus einem Gespräch mit John von Düffel vom Deutschen Theater Berlin, der auch selbst Übersetzer ist. Er hat mal zu mir gesagt: «Theater ist wie Krieg, da kann man nicht noch eine Front noch zu einer weiteren Person aufmachen, wenn man sowieso schon mit so vielen Leuten Ärger hat.»

Also, ich würde jetzt nicht sagen «Theater ist Krieg» – zumal das ja aktuell eine andere Bedeutung hätte. Aber ich würde schon behaupten, dass wir natürlich eine totale Blase sind. Wo die ganze Zeit schon so viel passiert. Trotzdem hätte ich das Gefühl, dass es eigentlich besser wäre, wenn da noch mehr Leute eine Rolle dabei spielen. Es gibt unterschiedliche Formen des Inszenierens und des Arbeitens, auch in Bezug darauf, was man so voneinander möchte während der Arbeitszeit. Und ich glaube dadurch, dass man sortieren muss und dann mit 1000 Meinungen umgehen muss, ist das vielleicht schwierig. Allerdings mache ich das noch gar nicht so lange. Ich bin dafür, zusätzlichen Input zu bekommen. Solange ich das Gefühl habe, ich kann meine eigene Meinung und meinen eigenen Standpunkt immer noch darin sehen, empfinde ich das eigentlich nur als Bereicherung. Ich habe tatsächlich gelernt durch jahrelange Assistenzen. Und was ich immer am spannendsten fand, war, wenn alle ein gemeinsames Ziel haben, und das ist ja die Premiere. Ich meine jetzt nicht, dass das eine totale Hierarchielosigkeit bedeutet, sondern ich meine eigentlich eher, dass alle in ihren Bereichen eine Kompetenz haben und somit auch ein:e Autor:in, ein:e Übersetzer:in. Und das macht Theater eben aus, dass da so viele unterschiedliche Leute beteiligt sind. Ich kann damit eher nichts anfangen, wenn sich alles unterordnet und der Regisseur oder die Regisseurin bloß nicht gestört werden darf in ihren oder seinen Gedanken.

Herzlichen Dank für das Gespräch und Toi Toi Toi für die Premiere!

«Feuersturm» von David Paquet am Theater Konstanz
Premiere am 07. Juni 2022
Regie Sarah Kurze
Bühne, Kostüme & Video Vanessa Vadineanu
Musik Samuel Wiese
Dramaturgie Kristo Šagor
Weitere Aufführungen am 10., 12., 15. + 17. Juni 2022

Regisseurin Sarah Kurze (c) privat

Sarah Kurze wurde 1993 geboren und ist in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Nach dem Abitur und einer ersten Inszenierung als Prüfungsleistung absolvierte sie ein Freiwilliges Kulturelles Jahr am Theater Junge Generation in Dresden. Im Anschluss arbeitete sie mehrere Jahre als Regieassistentin und Hospitantin an sechs verschiedenen Theatern, wobei sie am Deutschen Theater Berlin ihre ersten Inszenierungen realisieren konnte.