Kriegskantate

Der Soldat ist auf der Siegerseite. Schutzlos sind ihm die Feinde ausgeliefert, für die er nichts als Verachtung, Hass und Gewalt übrig hat. Mit unglaublicher Brutalität demütigt und schlachtet er Vater und Mutter, um sich dann den Sohn vorzunehmen. Während er das Gespräch mit dem Sohn des Feindes sucht, tritt er in einen imaginären Dialog mit dem eigenen Sohn. Im Wechselgesang mit dem Soldatenchor beschwört der Vater-Soldat Unterschiede und Trennendes zwischen sich und den Feinden, um sich nur umso mehr zu verstricken in die offensichtlichen Ähnlichkeiten und Parallelen. Der Sohn des Anderen indes findet Worte für Hass, Wut und Rache und rüstet sich sprachlich zum Gegenschlag. Und während die Sprache zur Waffe wird, verschlingen sich die gegnerischen Seiten ineinander, wird das Haus des Feindes zum eigenen, tötet der Soldat die eigene Frau und zuletzt vielleicht den eigenen Sohn.
In der Form nahe der antiken Tragödie, mit beherztem Griff in die Werkstatt des Lehrstücks und der Parabel, nutzt Tremblay die ganze Macht des gesprochenen Wortes. Dabei geht es es um nicht weniger als die Frage, was der Mensch dem Menschen anzutun bereit und in der Lage ist, sobald er ihn als anderen erkannt hat, und um die Sprache des Hasses, die unüberwindbare Unterschiede in die Hirne der Menschen pflanzt.

Abonnieren Sie unseren Newsletter