Uli Menke im Interview mit Mira Lina Simon Der ambulante Übertitler

Uli Menke (c) privat

Lieber Uli, es ist nicht lange her, da sprach ich auf dem Weg zur Schaubühne mit Andrea Zagorski vom Internationalen Theaterinstitut und dem Theaterübersetzer Andreas Volk über die Anfänge der Theaterübertitelung – und siehe da, gleich fiel dein Name. Andrea erinnerte sich, wie du Ende der 90er Jahre von Theater zu Theater zogst, im Schlepptau einen riesigen Rollkoffer. Kannst du uns verraten, was sich in diesem Koffer verbarg?

Das war tatsächlich die Anfangszeit der Übertitelung in Berlin. Ich hatte das große Glück, damals an der Baracke zu sein, wo Ostermeier die Künstlerische Leitung inne hatte, bevor er an die Schaubühne ging. Ich hatte bereits erste Erfahrungen als Übersetzer gesammelt, und zu jener Zeit hat das Institut français in Berlin die erste Generation Übertiteltechnik gekauft. Im Rollkoffer verbarg sich dann entweder der Videobeamer, ein höllisch schweres Teil, oder der 15 Kilo schwere tragbare Computer… Das Institut français hat damals viele Gastspiele in die deutsche Provinz eingeladen, von Bremen nach Erfurt über Memmingen, und so fuhr ich mit dem Zug und meinen zwei Koffern durch ganz Deutschland und hab quasi den «ambulanten Übertitler» gemacht.

Du übertitelst seit über zwanzig Jahren, da hattest du sicherlich das eine oder andere absurde Erlebnis. Magst du uns eins davon verraten?

Damals gab es den Beruf noch nicht, das gefiel mir. Mein erster Einsatz als Übertitler war mit Ostermeiers «Mann ist Mann» in Lyon. Ich hatte den Text nicht selbst übersetzt, sondern mit dem Übersetzer Maurice Taszman zusammengearbeitet. Wir trafen uns mit ihm und einem Spezialisten, der extra aus Belgien anreiste und mit einem Techniker aus Avignon in Lyon. Aber die drei verließen uns natürlich sofort wieder und dann saßen wir da mit der Technik und nichts funktionierte. Eine halbe Stunde nach Einlassbeginn wussten wir nicht, wie man dieses Ding startete – und so startete meine Karriere als Übertiteler… Und da habe ich mir gedacht, es kennt sich wirklich niemand damit aus, das ist doch ein gefundenes Fressen, sich das selbständig aufzubauen. Und so ging das weiter. Irgendwie muss man jeden Fehler einmal gemacht haben und irgendwann hat man’s dann.

Was reizt dich an diesem Beruf?

Ich bin übers Theaterübersetzen zum Übertiteln gekommen und durchs Übertiteln an viele Autor:innen. Übertiteln ist für mich eine Möglichkeit, mit Theatertexten direkt im Theater konfrontiert zu werden – das heißt ich muss nicht lesend Autor:innen suchen, sondern kann sie in der Theatersituation entdecken. Das ist ein großer Vorteil. Den Autor, den ich in den letzten Jahren am meisten übersetzt habe, Wajdi Mouawad, habe ich zum Beispiel auf diese Weise gefunden. Ich habe das Stück «Incendies» (Verbrennungen) übertitelt, und bei Autor:innen wie Wajdi Mouawad ist das große Glück, dass er selber Regisseur ist, dass er sich selbst inszeniert, ich die Interpretation seiner Texte also durch die Schauspieler:innen von ihm selbst erfahren kann. Man muss sich dann eben nicht über die Lektüre vorstellen, wie könnte so etwas klingen, sondern hat gleich eine Variante dessen, was der Text hergeben kann. Und deswegen bin ich froh beides zu machen. Als Übertitler bin ich im Theater aktiv und habe eine Vorstellung davon, wie Schauspieler:innen sprechen, wie ein Text geschrieben sein muss, damit er sprechbar ist. Gleichzeitig bin ich immer auch froh, wenn ich einen Text nicht nur für eine Übertitelung erarbeiten muss, sondern ihn «zuende» übersetzen kann. Denn eine Übertitelung ähnelt in der Form einem Twittertext, der ja auch kein Brief ist. In der Regel arbeite ich mit zwei Zeilen, mit 36 oder 40 Zeichen und das ist eben nicht viel, zumal es im Deutschen sehr lange Wörter gibt.

Ergibt sich denn oft die Möglichkeit, aus einer Übertitelung eine richtige Stückübersetzung zu machen?

Oft ist das nicht der Fall, was nicht unbedingt daran liegt, dass die Möglichkeit nicht da ist, sondern dass ich mich relativ selten dafür entscheide, das wirklich machen zu wollen. Ich muss eine Perspektive sehen, ich muss davon überzeugt sein, für das Stück einen Verlag zu finden oder den Eindruck haben, der Text kann auf einer deutschen Bühne gut funktionieren. Aber das passiert nicht oft. Oft übertitele ich auch Klassiker, die schon x-Mal übersetzt sind und die will ich dann nicht noch einmal neuübersetzen.

Du hast gesagt, dass du vom Theaterübersetzen zum Übertiteln gekommen bist, wie kamst du genau zum Stücke Übersetzen?

Ich habe mir das Französische tatsächlich durchs Übersetzen beigebracht. Ich fand das eine sehr schöne Art, mich in die Sprache zu vertiefen, in sie einzusteigen. Ich habe Komparatistik in Berlin studiert und bevor ich zur Literaturwissenschaft kam, wollte ich eigentlich ans Theater. Nach dem Studium habe ich dann angefangen, die Theater abzuklappern auf der Suche nach Dramaturgieassistenzen oder –stellen und landete so bei der Baracke. An der Baracke liefen damals die «Wochen Neuer Internationaler Dramatik» und unter den Stücken gab es u. a. eben auch französische. Ich hatte mein Studium in Frankreich beendet und arbeitete dort mit Maurice Taszman an seiner Übersetzung, hatte vorher aber schon angefangen Jean-Luc Lagarce zu übersetzen. Ich hatte ein Stück von ihm in Paris gesehen, das hat mir gut gefallen und Lagarce war damals wenig übersetzt. Eins seiner Stücke habe ich dann auch in Berlin inszeniert, also nicht selbst, aber mit einem Freund zusammen, ich war als Dramaturg beteiligt und so kam eins zum anderen…

Uli Menke und Mira Lina Simon beim Festival Primeurs in Saarbrücken (c) privat

Uli Menke, 1968 geboren, ausgebildeter Buchhändler, Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft und Ethnologie an der FU Berlin und in Paris. Er ist Übersetzer, Dramaturg und Übertiteler. Zu den von ihm übertragenen Autoren zählt neben Jean-Luc Lagarce, David Lescot, Anne-Cécile Vandalem, Copi und Cadiot und vielen anderen auch Wajdi Mouawad. Für die Übersetzung von dessen Stück «Küste» erhielt er 2013 den Theater-Transfer-Preis. Als Übertitler langjährige Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Thomas Ostermeier und Wajdi Mouawad. Arbeitet in dieser Funktion viel im Deutsch-Französischen Theateraustausch. 2021 erhielt er den Primeurs-Übersetzerinnen-Preis für seine Übertragung des Textes «Meeting Point (Heim)» von Dorothée Zumstein.

 

Mira Lina Simon übersetzt Prosa, Lyrik und Dramatik aus dem Französischen und lebt in Berlin. Sie ist eine der Mitbegründerinnen von PLATEFORME.