Abschied von Valère Novarina durch seinen deutschen Übersetzer Wanderer durch Sprachgebirge
Im Januar diesen Jahres verstarb der große französische Sprachmagier Valère Novarina. Leopold von Verschuer, der nach eigenen Angaben erst durch die Begegnung mit dem außergewöhnlichen Dramatiker zum Übersetzer wurde, nähert sich in einem persönlichen Text dem Autor, der ihm sein einziges «absurdes Erweckungserlebnis» verschaffte. Sein Essay ist Nachruf, Huldigung und zugleich eine dringende Aufforderung an das deutschsprachige Theater, Novarinas Stücken endlich eine Bühne zu geben.
(von Leopold von Verschuer)
Jetzt ist es passiert: Er ist tot. Mit dreiundachtzig Jahren, fast genau ein Jahr nach seiner Frau, der Schauspielerin Roséliane Goldstein, starb am 16. Januar 2026 der französische Autor und Theatermann Valère Novarina.
Ihm verdanke ich mein einziges absurdes Erweckungserlebnis. Ich begleitete ihn auf einer Wanderung in den französischen Alpen anlässlich des Besuchs in seiner Berghütte. Je höher wir stiegen, desto kleiner wurde die Welt zu unseren Füßen, Höfe, Wege, Zäune, Straßen, Menschen tief unten in den Tälern winzig klein, eine Spielzeugwelt, ein Ameisentheater. Ich fühlte mich, an der Seite dieses schwindelfreien Wanderers aufwärtssteigend, zunehmend unbeschwert von allen Bindungen, die uns an den Alltag fesseln, am Gipfel angekommen schließlich erlöst und für den Rest des Lebens innerlich frei, hoch oben über dieser bedeutungslos gewordenen Zwergenwelt. Dieses Gefühl würde mich nie wieder verlassen. Komischerweise musste ich beim Abstieg feststellen, dass in dem Maße, wie sich die Details der Landschaft wieder vergrößerten und näher rückten, die Erlösung sukzessive abnahm und unten angekommen sich wieder völlig verabschiedet hatte, ein clowneskes Erlebnis.
In den letzten drei Jahren litt dieser kraftvolle Gebirgsgänger, der auch auf seinen Lesereisen bei gediegenen Veranstaltern meist im blauen Anorak erschien, zunehmend an Gleichgewichtsstörungen und betrat keine Bühne mehr ohne Geländer, las – der immer nur stehend seine Texte gleichsam in die Wüste gerufen hatte – zwar aufrecht, aber doch sicherheitshalber an einen hohen Barhocker gelehnt. Mit ihm im Autor-Übersetzer-Duett zu lesen – zuletzt zur Buchvorstellung von «Der Mensch außer sich»[1] 2023 im Berliner Haus für Poesie – hatte oft etwas von einem Ringkampf, einem kraftvollen Pas de deux, bei dem man sich in Rhythmus und Stimmkraft aneinander hochschaukelte.
Jetzt also tot. Absurd, diesen Satz hinzuschreiben, nachdem ich gestern noch den Ruf am Ende jenes Liedes abgeschrieben habe, das seit dem Stück «Der rote Ursprung» immer wieder in seinen Stücken auftaucht, in Variationen jedesmal länger werdend: «Mort à la mort!» – «Tod dem Tod! Tod dem Tod! Tod dem Tod!» schrie wütend der Schauspieler Dominique Pinon (bekannt aus den Filmen «Delicatessen» und «Die fabelhafte Welt der Amélie»)[2] und sprang wie Rumpelstilzchen auf einem am Boden liegenden Totenkopf herum, der aber, da aus Gummi, sich immer wieder hochstülpte und unversehrt dalag, woraufhin mitten im 600-Plätze-Zuschauerraum des Pariser Théâtre National de la Colline eine Frau einen hemmungslosen Lachanfall bekam.
Das ist die Spannweite bei Novarina: Tod und Zirkus, Stierkampf und Noh-Spiel, Kasperle- und Welttheater, Hamlet und Pinocchio, Kirchenväter und Louis de Funès, Gebet und verballhornte TV-Abendnachrichten, Wortschöpfungen und Stegreiflieder, 311 Gottesdefinitionen und Schüttelreime, Maßlosigkeit nicht nur in zirzensischen Aufzählungen aus Flussnamen, Städtenamen, erfundenen Vogelnamen, Akrobatiknummern, biblisch anmutenden Verfluchungen, erfundenen grammatikalischen Zeiten bis zur Zahlenreihe der mathematischen Formel der Zeit, Maßlosigkeit auch bei der Anzahl auftretender Figuren: 2567 in «Vous qui habitez le temps», 2395 in «Le Vrai sang», 3117 in «La Chair de l’homme».
In «Der unbekannte Akt» treten gleich im 1. Akt seitenweise ganze Völker auf, erklären sich und marschieren wieder ab: die Strukturo-Melanizier, die Polmüken, die Andropoiden, die Nikantrhopen, die Anthropopolyvoriazeen, die Omnillienschen, die robusten Wataplaner u.s.w. Oder der Monolog «Der Mensch außer sich«, der mit 50 Seiten dem Savoyer Dialekt entlehnten Gebirgler-Spitznamen endet, eine etymologische Übersetzer-Orgie, wobei jedem Namen eine andere Tätigkeit auf dem alljährlichen Viehmarkt von Thonon-les-Bains am Ufer des Genfer Sees zugeordnet ist, jenem Städtchen in der alpinen Savoie-Region, in dem Valère Novarina als Sohn eines Architekten und einer Schauspielerin aufwuchs und nach eigener Aussage achtjährig erste wissenschaftliche Schriften unter Kieselsteinen versteckte.
Kann man denn tot sein, solange noch gesprochen und geschrieben wird? Die Zuschriften, Mitteilungen, Botschaften der Trauer und Zuneigung all seiner Übersetzer*innen aus Japan, Ägypten, Russland, Süd-, Ost- und Westeuropa bis nach Brasilien und Haiti auf die Todesnachricht hin bezeugten vor allem eines: Novarinas große Freundschaftsbegabung. Wir, seine Übersetzerinnen und Übersetzer, arbeiteten alle in dem Gefühl seiner intensiven Zuwendung, seines brennenden Interesses an allen Fragen der Erforschung unserer Sprachen und der Übersetzung. Hingebungsvoll lauschte er, wenn wir ihm die Resultate unserer Bemühungen vortrugen, selbst wenn er sie nur rudimentär oder gar nicht verstand, immer geleitet von Fragen des Atems und des Rhythmus. Wäre er auch nicht wirklich in der Lage gewesen, ein Gespräch auf Deutsch zu führen, so besaß er doch ein erstaunliches etymologisches Wissen über die deutsche Sprache und machte mir bisweilen überraschend konsistente Vorschläge zur Übersetzung seiner Neologismen. Er liebte Bachs Kantaten.
Erstmals begegnet bin ich diesem großen Autor, Theatermann und – ja auch das – genialen Zeichner und wüsten Maler, 1993 im Büroflur des Stadttheaters Remscheid, ein Haus, das ohne eigenes Ensemble von Gastspielen lebt und dessen frankophile Direktorin Helga Müller-Serre furchtlos Koproduktionen von Omsk bis Paris in die Kleinstadt Remscheid holte, aber auch aus der Kölner freien Szene, in die ich nach sieben Schauspielerjahren am Theater an der Ruhr Mülheim gewechselt war, um mich neu zu sortieren. Da stand ich also vor ihm und wurde beauftragt, ein paar Abschnitte für seine Lesung ins Deutsche zu übertragen, die im kommenden Frühjahr in Remscheid geplant war – ein kühner Vorschlag, denn von deutsch-österreichischen Eltern in Belgien geboren zu sein, macht einen noch nicht zum Übersetzer.
Durch Vermittlung eines Bekannten aus Paris hatte ich ein Jahr zuvor unvermittelt einen Umschlag aus dem Briefkasten gezogen: «La Lettre aux acteurs» von Valère Novarina unbekannterweise an mich persönlich adressiert und versehen mit einer ausführlichen Widmung und Zeichnung des Autors. Das war der Anfang, Ich schlug das Büchlein auf und klappte es nach drei Seiten überfordert wieder zu – gewissermaßen eine Grundfigur der Novarina-Rezeption vollziehend, die viele andere vor und nach mir in dieser Weise begingen, darunter zahlreiche Schauspieler*innen, Dramaturg*innen Regisseur*innen.
Erst letztes Jahr bekannte mir Alexander Weinstock, ein kluger und feinsinniger Dichter und Dramaturg am Theater an der Ruhr, beim Aufschlagen meiner Übersetzung von «Das eingebildete Tier» von Novarina als erstes gedacht zu haben: «Das ist der scheußlichste Theatertext, den ich je gelesen habe!» Ich kann ihm nur für den Freimut seiner Mitteilung danken, glücklicherweise wurde er eines anderen belehrt.
Novarinas legendärer «Brief an die Schauspieler» beginnt mit dem Satz «Ich schreibe durch die Ohren». So kann ich erwidern: man versteht ihn auch nur durch die Ohren. Es gibt wohl kaum einen Autor, der sich schriftlich, bzw. stumm gelesen so schwer erschließt, bei lauter Lektüre aber – besser noch: hörend und von anderen vorgetragen – in seinem herrlichen Wahnwitz spielerisch offenbart. Denn für Novarina ist Sprache immer vor allem gesprochene und das Theater der Kristallisationsort, wo sie sich durch die Schauspieler*innen physisch und physikalisch ereignet.
Für mich als Übersetzer ergab sich daraus die Herausforderung, einen zwar in der Schriftlichkeit des Buches ruhenden Text nachzubilden, der jedoch immer auf dem Sprung in die körperliche Gegenwärtigkeit des Gesprochenwerdens ist und sich erst im Gegenüber von Akteur*innen und Zuschauenden realisieren wird. Ich muss gleichsam im eigenen Munde stehend laut übersetzen.[3] Wie überraschend das aufgehen kann, war – tragischerweise erst im letzten Lebensjahr des Autors – letzten November endlich auch auf der deutschen Seite des Rheins zu erleben.
Dem Theater an der Ruhr jedenfalls bescherte der Mut, nach dreißig Jahren vorliegender Übersetzungen sich als erstes deutsches Theaterhaus mit der jungen Regisseurin Julie Grothgar an eines der letzten großen Stücke, «Das eingebildete Tier», in voller Besetzung mit neun zu Hochform auflaufenden Schauspieler*innen und einem Musiker heranzuwagen, einen überragenden Erfolg: «Eine Entdeckung» (Deutsche Bühne), «irrlichternd schöner Textfluss (…) geniale Monologe» (Nachtkritik), «gewaltiger Text (…) labyrinthische Klangwelten» (FAZ), «geniale Übersetzung» (WAZ).
Was soll ich noch sagen? Diese Aufführung hat gezeigt, dass das Theater von Valère Novarina mit seinen bis tief aus dem unterbewussten Gedächtnis der Sprachen schöpfenden Texten ungemein lebendig ist. Also traut Euch! Verlasst Eure ausgetrampelten Pfade, fürchtet Euch nicht vor dem Verlust des Gleichgewichtsinns sprachlicher Korrektheit und überlasst Euch dem Tanz in diesen vitalen Sprachlandschaften, denn, wie es in Novarinas frühem Manifest «Für Louis de Funès» heißt: «Jeder gute Gedanke ist tanzbar, jedes echte Denken muss sich tanzen lassen können. Weil der Grund der Welt rhythmisch ist. Weil der Grund der Welt, ihr innen sichtbarer Sockel, ein komischer Kern von pulsierenden Rhythmen ist. Komisch, denn es hat ein Kind die Welt – die ganze Welt – gemacht, und gelacht.»
[1] Ich verwende für alle Texte, die in deutscher Übersetzung vorliegen, den deutschen Titel, bei nicht übersetzten Texten den französischen. – Für Veröffentlichungen u. Inszenierungen in Frankreich, der Schweiz u. Deutschland siehe die Website des Autors www.novarina.com oder den deutschen Wikipedia-Eintrag zu Valère Novarina.
[2] «Delicatessen» (1991) u. «Le fabuleux destin d’Amélie Poulain» (2001) des französischen Autorenfilmers Jean-Pierre Jeunet.
[3] Detailliert berichte ich über meine Novarina-Übersetzungsarbeit unter www.toledo-programm.de/journale/4768/erinnerung-an-die-gegenwart
Leopold von Verschuer, geboren 1961 in Brüssel, bewegt sich zwischen Theater, Literatur und Radiokunst. Seine Übersetzungen aus dem Französischen veröffentlichte er im Alexander Verlag, bei Theater der Zeit und seit 2011 im Verlag Matthes & Seitz, einige realisierte er als Hörspiel beim Bayrischen Rundfunk und bei Deutschlandradio Kultur. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit den Autoren Valère Novarina (seit 1994) und Kathrin Röggla (seit 2001). Er spielte und/oder inszenierte u.a. in Köln, Paris, Avignon, Wien, Graz, Lissabon, Düsseldorf, Mülheim, Zürich, Genf, Lausanne und Berlin. 2001 wurde er mit dem Bremer Übersetzerpreis ausgezeichnet. Er erhielt Stipendien des Programms Theatertransfer und des Deutschen Übersetzerfonds.
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